Der Prozessmacher aus Bern

Aus dem Fundus eines Unbequemen: Der Berner Milo Rau bringt sein Prozessstück «Das Kongo Tribunal» ins Kino. Der erste Dokumentarfilm des internationalen Theaterstars feiert am Filmfestival ­Locarno Premiere.

Milo Rau: Der Berner Theatermann präsentiert mit «Das Kongo Tribunal» seinen ersten Dokumentarfilm.

Milo Rau: Der Berner Theatermann präsentiert mit «Das Kongo Tribunal» seinen ersten Dokumentarfilm.

(Bild: zvg)

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Er ist Revolutionär, Repräsentant und Reizfigur des zeitgenössischen Theaters, und manchmal weiss man gar nicht, wie sehr man ihn schätzen, fürchten oder überhaupt bewerten soll. Milo Rau, geboren 1977 in Bern, ist ein Reisender in Sachen Bühne. Vor allem aber ist er der ungekrönte Meister einer Spielform, die er im Laufe seiner internationalen Karriere so nahe an die Realität herangezoomt hat, dass man innerlich zusammenzuckt, wenn er etwas Neues ankündigt.

Denn: Ein Stück von Rau sorgt garantiert für Unbehagen.«Ich ent-dramatisiere», sagte der Berner Regisseur zu seiner Methode. Das war anlässlich von «Breiviks Erklärung» (2012/­2013), also jener Rede, die der norwegische Massenmörder vor Gericht gehalten hatte und deren inszenierte Lesung mehrmals verhindert oder abgesagt wurde.

Zuletzt waren von Rau in der Schweiz die kaum aushaltbaren «120 Tage von Sodom» (nach dem gleichnamigen Film von Pier Paolo Pasolini) im Zürcher Schiffbau zu sehen. Der Theaterkritiker dieser Zeitung vermerkte im Februar 2017, dass der Notizblock unter seiner nassen Hand Wellen schlage, und kam zum Schluss: «Vielleicht ist es der stärkste Tobak, der je auf einer Schweizer Bühne gezeigt wurde.»

Was Rau macht, geht nicht unbedingt ans Gemüt, aber es geht an die Grenzen. Um diese Grenzen zu erkunden, hat Rau das Mittel der inszenierten Bühnenjustiz perfektioniert: Mit dem Schauprozess gegen Pussy Riot in Moskau, Weimar und Bern. Mit dem Schauprozess gegen die «Weltwoche» wegen «Schre­ckung der Bevölkerung» in Zürich. Mit dem «Kongo Tribunal» in Bukavu (Kongo) und Berlin.

Sklaven, Gold, Coltan

Das «Kongo Tribunal» ist vielleicht Raus ambitioniertestes Projekt. Es ist die Aufarbeitung eines Bürgerkriegs, der in zwanzig Jahren sechs Millionen Tote forderte. Und es ist die Dokumentation eines internationalen Wirtschaftskriegs, von dem kaum jemand Kenntnis hat.

Dabei geht es vor allem um Coltan, ein Metall, das in fast jedem elektronischen Gerät verbaut wird, vom Laptop bis zum Smartphone. «Der Kongo hatte das Pech, dass er immer das hatte, was Europa braucht: Sklaven, Kautschuk, Gold, Zinn und jetzt Coltan», sagt Rau. «Das afrikanische Land ist das, wo stets die finstere Seite der europäischen Wirtschaft stattgefunden hat.»

Conrad, Coppola, Rau

Finster. Ein passendes Stichwort. Wir erinnern uns an Joseph Conrads Roman «Herz der Finsternis», der im Kongo spielte und später von Filmregisseur Francis Ford Coppola nach Vietnam transferiert wurde («Apocalypse Now»).

Rau hat den Stoff wieder dahin gebracht, wo er hingehört, nach Bukavu im Osten des Kongo, mit den Opfern, den Augen­zeugen und den Rohstoffhändlern auf der Bühne. Und er hat den Stoff nach Berlin gebracht, wo die Verwicklungen der EU, der Weltbank und der multinationalen Unternehmen verhandelt wurden.

Bukavu, Berlin, Locarno

Jetzt, in seinem ersten eigent­lichen Dokumentarfilm «Das Kongo Tribunal», führt Milo Rau diese Ebenen zusammen. Die Kameras liefen bei seinen Recherchereisen durch Bürgerkriegs-gebiete und unzugängliche Minenareale. Und sie liefen bei den Hearings in Bukavu und Berlin. «Das Kongo Tribunal» zeigt in stark geraffter Form, was im Zeitalter der Globalisierung punkto Verteilschlachten läuft. Das, was man nicht wahrhaben möchte, weil der Kongo weit weg ist.

Doch wie kommt ein Milo Rau dazu? Was kümmert es den Berner, der Mitglied des SRF-«Literaturclubs» ist und ab 2018 als ­Intendant im belgischen Gent wirkt, weshalb ein afrikanisches Land geplündert wird? Sein Credo hat er vor langer Zeit formuliert: «Ich will später zu meinen beiden Töchtern nicht sagen müssen, ich habe die ganze Zeit Tschechow am Residenztheater inszeniert.» Und nein, «Das Kongo Tribunal» ist kein Tschechow, sondern ein weiteres Stück Unbehagen im Œuvre eines grossen Unbequemen.

«Das Kongo Tribunal»: Premiere am Sonntag, 6. August, Filmfestival Locarno. Ab 23. November in den Deutschschweizer Kinos.

Video: Aspekte-Beitrag Milo Rau und das Kongo-Tribunal

Quelle: www.youtube.com/Terra Iguana

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