Die Mädelsführerin

Genug gespielt: Jennifer Lawrence führt im vorletzten Teil der «Hunger Games» das geknechtete Volk von Panem in die Schlacht gegen das totalitäre Regime.

Man will sie sein, natürlich: Jennifer Lawrence, ein Pfadfindertraum in Schwarz. Foto: Paterson Entertainment

Man will sie sein, natürlich: Jennifer Lawrence, ein Pfadfindertraum in Schwarz. Foto: Paterson Entertainment

Pascal Blum@pascabl

Teenager aller Länder, reiht euch ein. Jetzt kommt der erste Teil des letzten Teils der vierteiligen Trilogie von «The Hunger Games». Alles ist noch nicht gegessen, aber viel ist schon passiert, und nun ists wieder Zeit für zappelige Aufregung. Und für jugendlichen Trotz, denn vermutlich erheben einige Fans in unbeobachteten Momenten ihre Schwurhand, die drei mittleren Finger ausgestreckt. So, wie es die Unterdrückten im Film tun, als Zeichen ihrer Solidarität. Mit der kleinen Geste wird man Teil von etwas Grossem, und spürst du es jetzt? Die Welle, die durch dich hindurchgeht, wenn wir zusammenstehen im Kampf gegen den übermächtigen Feind?

«The Hunger Games» wurden zum Weltphänomen, weil die Macher zwei Kraftquellen entdeckt haben: den ungerichteten Zorn der Jugend und den Ekel vor dem Konkurrenzprinzip. Beides kommt zusammen, in einem harten Bild: Teenager treten in Todesspielen gegeneinander an (und verbünden sich auch miteinander). Es ist ein Kampf aufs Äusserste, eher unblutig, aber trotz allem verstörend. Zugleich demonstrieren die totalitären Herrscher mit den Arenenkämpfen ihre Macht. Die Spiele finden in der fahlen, deprimierenden Zukunft eines Landes namens Panem statt. Dort, im Kapitol, herrscht Präsident Snow (Donald Sutherland, satanisch böse) und veranstaltet den Karneval der Diktatur mit Haute-Couture-Uniformen und Propagandareden auf Riesenbildschirmen: ein kruder Pop-Stalinismus zwischen Catwalk und Parteitag.

Im Tableau von Guernica

So steht es um die Ästhetisierung der Politik, welche die Tyrannen betreiben. Das Proletariat antwortet zunächst mit der Inszenierung der Rebellion. In «The Hunger Games: Mockingjay Part 1» braucht die Résistance eine Galionsfigur, und geben kann es nur eine: Katniss Everdeen, die Überlebende der ersten Hungerspiele und die Gerettete aus den zweiten (wieder gespielt von Jennifer Law­rence, dem Traum aller Pfadfinder). Sie wird in den Untergrund geholt, über der Erde hat das Kapitol so ziemlich alles zerbombt (es führt offenbar einen absurden imperialistischen Krieg gegen das eigene Volk). Dort wird Katniss hergerichtet zu einem weiblichen Che Guevara und beschworen von einer Feldherrin (Julianne Moore als Praktikerin der Revolution) und einem Taschen-Lenin (einmal noch, in seiner ganzen Intensität: Philip Seymour Hoffman). Dann steht es bereit, das Postergirl des Widerstands, genannt «Mockingjay»: eine Amazone mit Pfeil und Bogen und chitinöser Rüstung, ganz in Schwarz. «Either they want to kill you, kiss you, or be you», kommentiert jemand.

Man will sie sein, natürlich. Oder mit ihr in den Krieg ziehen, egal in welchen. In diesem Film ist es vor allem ein Krieg der Propaganda, denn Todesspiele finden keine mehr statt. Um die Revolution anzustacheln, probt Katniss den Schlachtruf im Werbestudio, mithilfe einer Windmaschine. Sie besichtigt die Schlachtfelder, danach flimmern die Aufnahmen über die Schirme in den Rebellenbunkern. Sie geht über eine Ebene voller Skelette und stolpert dabei quasi ins Tableau von Guernica. Typische Gummistiefelpolitik, aber schnell wirkt sie fake: Erst wenn die Energie von ihr selbst ausgeht, überzeugt Katniss die Rebellen. Man kennt das, es ist der Authentizitätsbefehl der Castingshow.

Die Reflexionsebene in diesem Film befindet sich etwa auf Tischhöhe, man kann seinen Kopf bequem darauf abstützen. Wir sehen da einige Meta-Mätzchen über die Inszenierung von Glaubwürdigkeit und den Verdacht auf Verrat (und damit, logisch, übers Kino selbst). Die dramatische Frage, ob Katniss’ geliebter Peeta zum Kapitol übergelaufen ist, löst sich auf in der gewichtigeren, ob man der Schauspielleistung von Josh Hutcherson trauen kann; beides läuft hinaus auf ein «Eher nicht». Auch die Gegenwartsallegorien, die die Blockbusterindustrie bewusst in ihre Produkte injiziert, muss man nicht enträtseln: In der viralen Stimmungsmache der Aufrührer spiegelt sich die Sehnsucht, auf Youtube berühmt zu werden; in den Brandreden der Revolutionäre steckt die Kritik an den Absahnern von oben, und die Tyrannen richten ihre Gegner wie der IS vor laufenden Kameras hin.

Der Drang, loszuschlagen

Der Reiz dieser Filme, die auf den unlesbaren Büchern von Suzanne Collins beruhen, liegt in den Gefühlslagen und Stimmungstemperaturen: In Panem kriechen die Massenmedien ins Leben der Untertanen wie krakenhafte Lügenmonster. In den Luftschutzkellern der Bürger bündelt sich die Wut. Und über der verbrannten Erde hängt der Geruch vom Ende aller Ambivalenzen. Im neuen Film liegen die Gladiatorenkämpfe hinter uns und damit auch die temporären Allianzen gegen die Hegemonie. Nun begehren die Unterdrückten gemeinsam auf und mit ihnen das alte revolutionäre Subjekt. Es ist Zeit, zusammen loszuschlagen, «The Hunger Games» gibt diesem Drang eine Form.

Wobei: Der ganze neomarxistische Zunder folgt erst mit dem allerletzten Teil im kommenden Jahr. Aus dem Finale macht Hollywood zwei Filme und also zweimal Geld. Vorerst wird noch gewartet, gestreckt, gedehnt. Avantgardistisch will man die Ruhephasen in diesem Film nicht nennen, aber öde eigentlich auch nicht. Mehr als einmal geht die ekstatische Welle durch uns hindurch, und alle Mädchen dieser Welt wissen nur zu gut: Das Kapitol wird brennen, aber das System läuft so geschmiert wie noch nie.

The Hunger Games: Mockingjay Part 1 (USA 2014). 125 Minuten. Regie: Francis Lawrence. Mit Jennifer Lawrence u. a.

In Zürich ab Donnerstag in den Kinos Abaton, Arena, Capitol, Corso und Metropol.

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