Die Männer kämpfen und sterben, die Frauen lieben und leiden

Lothar-Günther Buchheims «Boot» war ein Bestseller, Wolfgang Petersens Verfilmung Kult. Jetzt macht Sky eine Serie daraus.

Vertraut und doch neu: Moderne Sehgewohnheiten werden im Sky-«Boot» nicht enttäuscht, jede Szene muss die Handlung vorantreiben. Foto: Nik Konietzny (Bavaria Fiction GmbH)

Vertraut und doch neu: Moderne Sehgewohnheiten werden im Sky-«Boot» nicht enttäuscht, jede Szene muss die Handlung vorantreiben. Foto: Nik Konietzny (Bavaria Fiction GmbH)

Wenn man es wagt, einen der grössten internationalen Kino- und Fernseherfolge, die je aus Deutschland kamen, neu als Serie zu inszenieren, dann muss das erste Bild sitzen. Das Boot beginnt also so imposant, wie es nur irgendwie geht.

Die Kamera schwenkt vom grauen Ozean-Horizont nach unten, bis sie senkrecht auf ein stahlblaugraues Meer blickt. Vom unteren Bildschirmrand bohrt sich verstörend elegant ein U-Boot Richtung Bildmitte. Schnitt zu einem jungen Seemann, der vom U-Boot-Turm aus durchs Fernglas nach feindlichen Korvetten sucht. Als er es absetzt, springen backbord Delfine aus dem Wasser, gleich einer fröhlichen Eskorte, und entlocken ihm den Anflug eines Lächelns.

Kann Krieg so schön sein, darf er das? Natürlich nicht. Achteinhalb Minuten später taumelt das Boot, von einem britischen Torpedo getroffen, zum Meeresgrund, sind Dutzende junge Männer tot. An der Wasseroberfläche treibt die Mütze des Delfinfreunds.

Handlung ohne Hänger

Mit diesem düsteren Vorspann will die neue Sky-Serie «Das Boot» klarstellen, dass sie den Geist von Wolfgang Petersens Antikriegsfilm nicht nur verstanden hat, sondern in sich trägt. Während das Schiff sinkt, rast die Kamera wie im Original mit der Besatzung durch den schmalen Gang. Aber verwackelt und nur ganz kurz.

Regisseur Andreas Prochaska demonstriert erst einmal nur im Vorübergehen, dass seine Serie technisch selbstverständlich alles ebenfalls kann, womit der Film die Zuschauer 1981 verblüffte, und natürlich dank moderner Computereffekte noch viel mehr (Delfine!).

Eigentlich aber will Prochaska, dass sein «Boot» das Original so wenig wie möglich imitiert. Die Handlung spielt kurz nach der des Kinofilms im Jahr 1942, als es für die deutsche Kriegs­marine schon nicht mehr besonders gut aussieht. Es gibt ein neues Schiff, eine neue Besatzung und einen neuen «Kaleun», dessen Feind nicht nur der Kriegsgegner ist, sondern auch ein Erster Offizier, der glaubt, den Job besser zu können als der Chef. Die Hälfte der vielen Plot-Fäden spielt an Land.

Trailer zur Serie «Das Boot». Video: Youtube/Sky Österreich

Das Sky-«Boot» soll also anders sein, aber natürlich doch so nah dran an Wolfgang Petersens Erfolgsfilm, dass allen, die damals im Kino waren oder im Fernsehen zusahen, ein kleiner Nostalgieschauer überläuft, der möglichst ein paar Grad wärmer ist als das Wasser des Atlantiks. Deshalb ist immer wieder das Thema von Klaus Doldingers berühmter Filmmusik zu hören.

Insofern war es nur ein sehr kleines Risiko, das die Macher der Serie eingingen: «Das Boot» ist eine etablierte Marke, weltweit. Die Serie ist schon in mehr als hundert Länder verkauft worden. Die Entschlossenheit, mit der das neue «Boot» diesen Welterfolg anpeilt, ähnelt derjenigen der Matrosen, wenn sie schwitzend die Torpedos zum Abschuss bereit machen.

Und das sieht man, im Guten wie im Schlechten. Die Dramaturgie kennt keine Hänger, jede Hauptfigur ist von einem persönlichen inneren Konflikt zerrissen, der ihre Entscheidungen motiviert; ihre Geheimnisse werden wohldosiert aufgedeckt.

Es wird lieber gleich geschrien, bedroht, beleidigt oder direkt sehr brutal zugeschlagen.

In ihrer Stromlinienförmigkeit übertrifft die Serie jedes U-Boot-Design, so unbedingt will sie vermeiden, moderne Sehgewohnheiten zu enttäuschen. Aber wenn jede Szene die Handlung vorantreiben und es im Plot so regelmässig knallen muss, dass niemand auf die Idee kommt, auszuschalten, dann bleibt auch keine Zeit für so charmante Langeweile-Szenen, die die U-Boot-Besatzung einfach mal beim Zitronenlutschen, Popeln oder ausgelassenen Imitieren einer Nackttänzerin zeigen, wie der Film es seinerzeit tat. Im Sky-«Boot» wird nicht viel gescherzt. Es wird lieber gleich geschrien, bedroht, beleidigt oder direkt sehr brutal zugeschlagen.

Den grössten Schritt weg vom Film und von der Romanvorlage Lothar-Günther Buchheims macht die Serie aber, indem sie die Hälfte der Handlung ans Land verlegt. Und – völlig irre, weil die im Bootskontext doch eigentlich Unglück bringen: Es kommen Frauen vor. Mehrere sogar, und sie weinen und winken auch nicht bloss am Kai, während das Schiff ausläuft. Sie haben richtig was zu tun mit diesem Krieg, der eben nicht nur ein Geschäft der Männer ist, sondern überall auf der Welt und zu jeder Zeit schnell auch zu ihrem wird.

Vom Vorbild emanzipiert

Es ist der grösste Gewinn dieser Fortsetzung, dass sie sich mit dieser Öffnung von dem emanzipiert, was das grosse Vorbild so berühmt gemacht hat: von der Enge, der Testosteronluft dieser verschwitzten Männergemeinschaft. Und es ist ihr bedauernswertester Fehler, dass sie diese grossartige Idee in der Umsetzung dann so verschwendet, wie sie es tut.

Vicky Krieps spielt mit gewohnt grosser Natürlichkeit Simone Strasser, eine linientreue deutsche Militär-Übersetzerin, die, als Elsässerin, zugleich Aussenseiterin ist. Sie ist keinen halben Tag im Marinestützpunkt im besetzten La Rochelle, da ist sie schon in Morphiumschmuggel zugunsten der örtlichen Résistance-Zelle verstrickt.

Als sie von den geheimen Plänen ihres Bruders erfährt, dem Funker an Bord der U-612, steht sie plötzlich zwischen Vaterlands- und Familienloyalität. An Ersterer rüttelt bald die Résistance-Anführerin Carla Monroe kräftig mit, gespielt von Lizzy Caplan, die man aus «Masters of Sex» kennt.

Hochprofessionelles Medienprodukt

Die Frauen mögen sehr zentral sein, aber was die Serie mit ihnen macht, erfüllt dann doch wieder allzu viele Klischees: Eine Résistance-Kämpferin wird nach brutaler Folter fast nackt gezeigt, übersät von Wunden und blauen Flecken. Eine andere Frau wird brutal von Soldaten vergewaltigt. Die französische Vermieterin von Simone wäscht sich schon in ihrer zweiten Szene völlig unmotiviert ausgiebig die nackten Brüste. Und es gibt eine gleichgeschlechtliche Liebesszene zwischen zwei attraktiven weiblichen Hauptfiguren.

«Das Boot» ist ein hochprofessionell hergestelltes, glänzendes Medienprodukt geworden, das aus einigen guten Gründen womöglich in der ganzen Welt gesehen werden wird. Aber wenn ihm das ein wenig gleichgültiger gewesen wäre, hätte es noch etwas anderes sein können: originell und vielleicht sogar ­relevant.

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