Die Nase geht

Wenn am Samstag in Locarno die Preise vergeben werden, verabschiedet sich auch der künstlerische Leiter Carlo Chatrian. Seine nächste Station ist die Berlinale.

Der scheidende Locarno-Direktor Carlo Chatrian. Foto: Massimo Pedrazzini (Locarno Festival)

Der scheidende Locarno-Direktor Carlo Chatrian. Foto: Massimo Pedrazzini (Locarno Festival)

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21.25 Uhr. Bettina Oberlis neuer Film beginnt gleich auf der Piazza Grande. Ein Sturm kommt, im Wind beginnt sich die Leinwand zu wellen. Man sieht das nur von der Bühnenseite, dort ist der Backstage-Bereich, er besteht aus ein paar Plastikstühlen und einer gefährlich grosszügigen Champagnerbar.

Carlo Chatrian wartet unten an der Treppe, er schäkert mit der Moderatorin, die ihm gleich mehrsprachig Fragen stellen wird. Noch drei Minuten. Chat­rian lacht und umklammert das Handy mit seinen hinter dem Rücken verschränkten Händen. Sie zittern vor Nervosität.  

Die Leute in Locarno sagen alle dasselbe über Carlo Chat­rian. Dass er seine Zurückhaltung verloren habe, dass er sehr viel arbeite. Man konnte in den sechs Jahren unter seiner künstlerischen Leitung zusehen, wie er das Verdruckste ablegte. Auf der Piazza wirkte er in den letzten Tagen regelrecht gelöst. Ist ja sein letztes Jahr.

Verständnis fürs Kleine

Mit seinen Auftritten kommuniziert der 46-Jährige aus Turin auch, dass er nicht vergisst, woher er kommt. Noch immer führt er in die Retrospektive ein, vor seinem Direktorenjob hat er diese Reihe verantwortet. Deshalb lässt der ehemalige Kritiker die Filmhistoriker an seiner Seite extra endlos referieren.

Im Gespräch sagt Chatrian, dass es ihm als Leiter auch nützte, in kleinen Orten gelebt zu haben. «Locarno ist sehr kleinräumig, es ist deshalb von Vorteil, wenn man die Mentalität eines kleinen Orts versteht. Wo man stolz ist auf seine kleine Stadt, aber sich auch darum sorgt, weil man sie beschützen möchte.» Wer in Locarno übernehmen will, müsse ein Verständnis dafür haben, das er weitab von den Metropolen programmiere. «Wem das fehlt, der könnte Probleme mit dem Publikum bekommen.»

Vor dem Abend auf der Piazza dürfen die Filmteams ans offizielle Abendessen. Drei Gänge, der Service ist straff wie ein SBB-Fahrplan. Der Berliner Sales-Agent nebenan erzählt, der Besuch am Festival sei für ihn wie «Gleitmittel». Man habe mehr Zeit, das macht die Partner geschmeidig. Carlo Chatrian begrüsst die Besucher reihum mit den Worten, aufstehen sei nicht nötig. Sie tun es trotzdem.

Jeder Abend ein Event

Chatrians Ansprache auf der Piazza ist vorbei, es war einfach: keine Stars, keine Sponsoren, die in schlechtem Englisch Preise überreichen. Er schaue sowieso nur in den Himmel, sagt er, als er runterkommt. Mit dem Piazza-Programm hat Chatrian in seiner Zeit so einiges versucht. Bis jetzt bleibt unklar, was er sich unter den Wünschen des Publikums vorstellt. Wieso diese schlechten Komödien, wo er mit «Alles ist gut» ein starkes deutsches Drama gehabt hätte? Wäre ja auch eine Entdeckung gewesen für die Piazza. Weshalb zeigt er statt temporeichen Dialogs aus der Retrospektive einen Laurel-und-Hardy-Stummfilm mit grauslicher Livemusik (das elektrische Violoncello!)?

Auf der Piazza ist jeder Abend ein neuer Event; so gesehen ist Chatrian gerüstet für die Berlinale-Leitung, wo einige Gala-Anlässe stattfinden. Geholt hat man ihn dort aber zuerst wegen seiner Kuratoren-Nase. Dieses Jahr hat er für den Wettbewerb bestechende Filme aus dem Libanon oder aus Chile eingeladen. Formal Eigenwilliges. Zartes, aber nichts Verzärteltes. Wenn er über seine Filme redet, sagt er oft, sie seien nicht perfekt, aber sehr interessant. Die Kritiker geben ihm meistens recht.

Und noch ist Locarno der Ort, wo ein 14-stündiger Genremix ins Programm gestemmt wird. Der erste Teil (nur dreieinhalb Stunden) von «La flor» aus Argentinien war schon mal voller Lebendigkeit und Erzähllust, und mindestens ein Skorpion musste dafür sterben. Auch grossartig rachsüchtige Chansons wurden gesungen. Stimmung: super.

Der Piazza-Film von Bettina Oberli beginnt, Chatrian wartet kurz an der Seite, um die Projektion zu überprüfen. Im Zentrum zu stehen, ist noch immer seltsam für einen, der das Kino vom Rand her denkt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 00:17 Uhr

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