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Die neuen Gesichter der französischen Banlieue

Für sein Flüchtlings­drama «Dheepan» erhielt Jacques Audiard die Goldene Palme in Cannes. Im Gespräch sagt der französische Regisseur, warum er seinen Film mit tamilischen Darstellern und Laien drehte.

Fast eine Familie: Claudine Vinasithambly und Jesuthasan Antonythasan im Film «Dheepan».
Fast eine Familie: Claudine Vinasithambly und Jesuthasan Antonythasan im Film «Dheepan».
Paul Arnaud/zvg

Eine falsche Familie gefällig? Die ist in diesem Drama rasch zusammengestellt. Als ein kriegsmüder tamilischer Freiheitskämpfer in einem Flüchtlingscamp den Pass eines Toten namens Dheepan erbt, wird er mit einer fremden Frau und einem fremden Mädchen verkuppelt – und zack: Das ungleiche Trio landet in Paris, genauer gesagt in einer Vorstadt voller Betonklötze und rivalisierender Drogenbanden, wo Dheepan eine Stelle als Hausabwart antreten soll. Vom Regen in die Traufe sozusagen.

Lüge besser als Wahrheit»

Es ist ein ebenso explosives wie emotionales Stück Kino, für das Regisseur Jacques Audiard («Un prophète», «De rouille et d’os») am Filmfestival Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Der Clou dieses Films steckt in seiner Struktur. «Im Grunde ist mein Film eine Hochzeitskomödie», sagt Regisseur Audiard beim Interview in Cannes.

Tatsächlich haben Mann, Frau und Kind ihre Familienrollen so stark verinnerlicht, dass sie ihr aufgebautes Lügengebilde nicht mehr hinterfragen. Dass Dheepan gar nicht Dheepan heisst, interessiert niemanden mehr. Oder wie es Audiard formuliert: «Die Lüge ist besser geworden als die Wahrheit.»

Flüchtlinge – muss das sein?

Trotzdem – oder gerade deshalb – könnten realitätsmüde Gemüter aufschreien: Muss es sein, dass Flüchtlinge jetzt auch noch das Kino überschwemmen? Ja, es muss, denn «Dheepan» beschränkt sich nicht darauf, die Realität abzubilden – was eine Dokumentation besser könnte –, sondern entpuppt sich sowohl in erzählerischer wie in stilistischer Hinsicht als Überraschungsei. «Dheepan» ist, kurz gesagt, sowohl Genrefilm wie Autorenkino, sowohl Traum wie Albtraum, sowohl gesellschaftlicher Pulsmesser wie überspitzte Gangstermär.

Ist es aber auch ein politischer Film? «Nur weil ich von Immi-gration und Banlieue-Kriminalität erzähle, hat ‹Dheepan› noch keinen politischen Aspekt», meint Regisseur Audiard. «Das Ganze ist höchstens in finanzieller Hinsicht politisch. Es war alles andere als einfach, das Geld für diesen französischen Film mit unbekannten tamilischen Darstellern und Laien zusammenzubekommen.»

«Ich war ein Kindersoldat»

In der Tat ist Hauptdarsteller Jesuthasan Antonythasan auf internationaler Ebene ein ebenso unbeschriebenes Blatt wie Kalieaswari Srinivasan, die seine falsche Frau spielt, oder Claudine Vinasithambly als deren angebliche Tochter. Echt ist dagegen die Vergangenheit von Hauptdarsteller Antonythasan: «Ich war ein Kindersoldat bei den Tamil Tigers, stieg dann mit 19 Jahren wieder aus. Wie meine Filmfigur Dheepan habe ich viele Familienmitglieder im Krieg verloren und wurde zum politischen Flüchtling.»

Antonythasan kam via Thailand nach Frankreich, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser – unter anderem als Hausabwart – und wurde Schriftsteller. «In meinen Büchern schreibe ich sowohl gegen die Tamil Tigers als auch gegen die srilankische Regierung an», sagt Antonythasan.

Keine Stimme im Kino

Da ist die Realität stellenweise sehr nahe am Film. Und vermutlich doch um einiges politischer, als Regisseur Audiard zunächst zugeben mag. Dann aber sagt er: «Wenn man in Paris wohnt, sieht man praktisch an jeder Strassenecke Tamilen. Allerdings pflegt man mit ihnen keinen Kontakt, und im Kino hatten sie bislang keine Stimme. Ich finde es jedoch wichtig, dass man Tamilen, Türken oder Tunesier in einem französischen Film zeigt. Denn so schmeckt das heutige Frankreich.»

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