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Die Schweiz geht wieder ins Kino

2019 sieht punkto Eintrittszahlen erfreulicher aus als das Krisenjahr 2018 – dank schlechterem Wetter und besseren Filmen.

Hans Jürg Zinsli
«The Lion King» – bis jetzt der erfolgreichste Film 2019 in der Schweiz. Foto: TMDB
«The Lion King» – bis jetzt der erfolgreichste Film 2019 in der Schweiz. Foto: TMDB

Man glaubte zuletzt, die Kinobetreiber spürbar aufatmen zu hören. Mit gutem Grund, denn 2019 strömte wieder vermehrt Publikum in die Säle. Das ist insofern eine Überraschung, als das Vorjahr die Branche ratlos zurückliess. Damals wurden in der Schweiz nur noch 12 Millionen Eintritte gezählt – so wenige wie nie seit Beginn der statistischen Erhebungen von 1980. «Ein Tiefschlag ohne Beispiel», bilanziert Frank Braun, Programmleiter der Neugass Kino AG, die in Zürich und Luzern Kinos betreibt.

Nun sind die provisorischen Eintrittszahlen für 2019 da, sie liegen etwa 5 bis 6 Prozent über jenen des Vorjahres. Das Gute daran: In dieser Berechnung fehlen noch die aktuellen zwei Wochen über die Festtage, insbesondere fehlt da noch «Star Wars: The Rise of Skywalker», der – wenn der Film bei den Fans ankommt – um die 400'000 Zuschauer anlocken könnte. So viele waren es jedenfalls 2017 bei «Star Wars: The Last Jedi». 2018 war im Weihnachtskino vergleichsweise wenig los.

Im besten Fall dürften so unterm Strich gut 13 Millionen Kinoeintritte für 2019 zusammenkommen – und man fragt sich: Wie ist das möglich? Die Konkurrenz durch Streaming- und andere Freizeitangebote ist ja nicht kleiner geworden, im Gegenteil. «Was konkret den Ausschlag gegeben hat, kann ich nicht sagen», meint Kitag-Chef Philippe Täschler, der unter anderem in Bern, Basel, Winterthur und Zürich Kinos betreibt. «Ganz grundsätzlich spielen verschiedene Faktoren eine Rolle für ein gutes Kinojahr: starke Filmproduktionen, aber auch Umwelteinflüsse wie das Wetter oder fehlende Sportanlässe.»

Kein Fussball, mehrere Langläufer

Täschler benennt damit drei zentrale Punkte. Dass in diesem Sommer kein Fussballgrossereignis stattfand, hat den Kinobetreibern zweifellos in die Hände gespielt. Geregnet hat es ungleich öfter als 2018. Und was die Filme betrifft? Wie im Vorjahr wurden zwar auch 2019 jede Menge Fortsetzungen lanciert. Aber man konnte auch verstörende Originalwerke wie «Joker» entdecken, der vom verzweifelten Aufbegehren eines Ausgestossenen erzählt und es nun unter die Top-3-Filme des Jahres geschafft hat.

Zudem habe es übers Jahr mehrere «Langläufer» gegeben, sagt Edna Epelbaum, Kinobetreiberin in Bern, Biel und der Westschweiz, «also Filme, die mehrere Wochen im Programm blieben». Das ist heute keineswegs mehr selbstverständlich. Was nicht läuft, wird gekippt; wenns sein muss, schon nach sieben Tagen.

Es lohnt sich also, etwas genauer hinzuschauen. Und da zeigt sich: Unter den Top-10-Werken von 2018 figurierten nur zwei Filme, die keine Sequels oder Neufassungen bekannter Filme waren. 2019 stieg diese Zahl auf vier, neben «Joker» sind das auch der Oscarsieger «Green Book», Quentin Tarantinos «Once Upon a Time… in Hollywood» und der Schweizer Film «Zwingli». Der Unterschied mag nicht gross erscheinen, aber er weist doch darauf hin, was in dieser nach Berechenbarkeit strebenden Branche nicht unterschätzt werden sollte – die Unberechenbarkeit. Dass man dem Publikum etwas bieten, es überraschen und herausfordern muss. Wenn Filme das nicht tun, wandert die Käuferschaft zu anderen Angeboten ab.

«Wir brauchen innovative Geschichten, kluge Drehbücher – einfach guten Inhalt.»

Kinobetreiberin Edna Epelbaum

Aber noch scheint die Kinomagie zu funktionieren. Patrick Tavoli, Geschäftsleiter der Arena Cinemas mit Sälen in der Deutschschweiz, der Romandie und dem Tessin, verweist zum Beispiel auf deutsche Komödien wie «Das perfekte Geheimnis» oder «100 Dinge», die 2019 überraschend gut gelaufen seien. Und Edna Epelbaum sagt: «Wir brauchen innovative Geschichten, kluge Drehbücher – einfach guten Inhalt.» Dass inzwischen immer mehr Frauen das Handwerk der Regie übernähmen, habe sie positiv gestimmt. Ebenso, dass Schweizer Filmschaffende über die Grenzen hinausschauen würden wie zum Beispiel Mischa Hedinger («African Mirror») oder Samir («Baghdad in My Shadow»).

James Bond wird 2020 retten – aber reicht das?

Programmleiter Frank Braun gibt sich dagegen pessimistisch: «Es lässt sich zwar sagen, dass die seit Jahren rückläufige Tendenz, die sich 2018 massiv verstärkte, gebremst werden konnte. Aber von einer Trendwende kann nicht gesprochen werden.» Gut, ein Jubeljahr wie 2002, als fast 19 Millionen Kinoeintritte in der Schweiz gelöst wurden, wird es vermutlich nie mehr geben.

Als positives Zeichen für 2019 darf indes gelten, dass es nach drei Jahren endlich wieder einem Film gelungen ist, die Marke von einer halben Million Zuschauern zu überspringen: «The Lion King» schaffte das; knapp darunter blieben «Avengers: Endgame» und «Joker». Doch was bedeutet das für die Zukunft?

Dass 2020 ein gutes Kinojahr wird, gilt dank dem im April startenden «No Time to Die» als ziemlich sicher. James-Bond-Filme erreichen in der Schweiz regelmässig etwa eine Million Zuschauer. Doch einen 007 gibts nicht jedes Jahr. Entscheidend dürfte deshalb sein, ob zum Beispiel auch ein über 200 Millionen Dollar teures Actionepos wie «Tenet» funktioniert.

Regisseur Christopher Nolan («Interstellar», «Dunkirk») richtet mit diesem Film mal wieder ein opulentes Raum/Zeit-Spektakel an, es ist ein Originalstoff, der in den Hauptrollen mit John David Washington («BlacKkKlansman») und Robert Pattinson besetzt ist. Der Filmstart von «Tenet» ist weltweit auf Mitte Juli geplant – also kurz nach der Fussball-EM. Bleiben zwei Fragen: Wie innovativ ist diese Geschichte? Und was macht das Wetter?

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