Ein David mutiert zum Muskelprotz

In Dominik Lochers zweitem Spielfilm «Goliath» kompensiert ein werdender Vater seine nagenden Selbstzweifel mit intensivem Muskelaufbau. Die Nebenwir­kungen lassen nicht auf sich ­warten.

Brillant gespielt: Sven Schelker als David im Film «Goliath».

Brillant gespielt: Sven Schelker als David im Film «Goliath».

(Bild: zvg)

Gewollt war die Schwangerschaft nicht. Eine Abtreibung ist so gut wie beschlossen. Jessy und David sind zwar fest zusammen und innig verliebt, aber für eine Familiengründung ist es etwas früh: Auf der beruflichen Ebene ist Luft nach oben, und zusätzlicher Wohnraum lässt sich nicht aus dem Ärmel schütteln.

Kurz vor dem Schwangerschaftsabbruch entscheidet sich das Pärchen zugunsten des Kindes. Aber noch bevor sich ein entsprechender Verantwortungssinn einstellen kann, lässt sich das Paar in eine Schlägerei verwickeln. Äusserliche Verletzungen sind die Folge, aber David ist auch innerlich verwundet: Seine Wehrlosigkeit als werdender Vater nagt an ihm, und zur Stärkung seines Selbstbewusstseins greift er zu Hanteln und Steroiden.

Locher meint es ernst

Bis hierhin wäre die Handlung – würde sie ironisch erzählt – nicht abwegig als eine Persiflage auf die zahllosen Rache- oder Selbst­justizthriller, die in den frühen Achtzigerjahren zweifelhaftes Gedankengut verbreiteten und eine Reihe von muskulösen Stars hervorbrachten. Aber der Schweizer Regisseur Dominik Locher, der mit seinem Erstling «Tempo Girl» noch überraschend viel Mut zu bissigem Witz und zu Stilbrüchen bewiesen hatte, meint es diesmal ziemlich ernst.

«‹Goliath› handelt von der Suche nach einer männlichen Identität irgendwo zwischen Macron und Trump.»Regisseur Dominik Locher

Es gehe ihm um «die Suche nach einer männlichen Identität irgendwo zwischen Macron und Trump», lässt Locher in den Presse­unterlagen verlauten. Die Debatte über das Wesen der Männlichkeit kündige sich seit Jahren an, fährt der Filmemacher in seinen Anmerkungen fort, und: Auch 2017 sei das Private noch politisch.

Übersetzt in die Handlung von «Goliath» bedeutet dies: Der ­Protagonist David bezahlt seine Mutation zum Muskelprotz mit Medikamentensucht, Aggressionsschüben und Impotenz. Dem Aufbau dieses Teufelskreises wird verschwenderisch viel Zeit gewidmet – dem Ausbruch daraus immerhin eine rührende Schlusssequenz.

Auf der technischen Ebene ist «Goliath» hervorragend: Clever eingefangen, sorgfältig geschnitten und vor allem brillant interpretiert. Insbesondere der männliche Hauptdarsteller Sven Schelker stellt nach seiner Rolle in «Der Kreis» erneut unter Beweis, warum er derzeit ein so gefragter Mann ist. Dabei fällt es bei der hier gezeigten Leistung noch nicht einmal ins Gewicht, dass sich Schelker seine Muskulatur für den Dreh tatsächlich an- und wieder abtrainiert hat.

Die politische Intimität

Eigentlich wäre alles gegeben für ein eindrückliches intimes Drama. Das Problem mit der Intimität in diesem Film ist einfach, dass sie – in Lochers Worten – politisch ist. Und dass man ihr das selbst in den Sexszenen ansieht. Dieser David muss sich nicht nur zum Goliath aufplustern, er muss auch herhalten als Beispiel für einen Diskurs über unangebrachtes maskulines Selbstverständnis, welchen Herbert Grönemeyer mit seinem Lied «Männer» bereits 1984 umfassend abgehandelt hat.

Natürlich gilt es diese Debatte auch 2017 noch zu führen. Aber im vorliegenden Fall überschattet die Selbstbezogenheit der Hauptfigur fast den ganzen Film über eine Sorge, die eigentlich zentraler sein müsste als diffuse Männlichkeitskrisen: die Sorge um ein ungeborenes Kind.

«Goliath»:Der Film läuft ab 30. November im Kino. Vorstellung in Anwesenheit des Regisseurs: 1. Dezember, 20 Uhr, Cinema Meiringen.

Berner Zeitung

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