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Er lacht, aber man hat Angst vor ihm

Der 83-jährige kanadische Schauspieler Donald Sutherland trat gestern im Rahmen des Zurich Film Festival auf. Als grossartiger Erzähler.

Selbst einer wie Donald Sutherland leidet an der Morbus Hollywood, der Angewohnheit vieler Schauspieler zum systematischen Lob aller Kollegen und Regisseure. Foto: Thomas Lohnes (Getty Images)
Selbst einer wie Donald Sutherland leidet an der Morbus Hollywood, der Angewohnheit vieler Schauspieler zum systematischen Lob aller Kollegen und Regisseure. Foto: Thomas Lohnes (Getty Images)

Federico Fellini, der ihn in seinem Film von 1976 als Casanova besetzte, erteilte ihm folgende Regieanweisung: «Spiele ihn so, dass ich dich hassen kann.»

Donald Sutherland, schon damals ein Star, wusste, was der Regisseur von ihm wollte. Er gibt den welken Lebemann als kalte, narzisstische Figur, die im Auge des anderen nichts anderes sieht als den Widerschein ihrer selbst. Sein Casanova ist hässlich wie der Marquis de Sade, sein Gesicht gleicht einer Fratze, seine Schmeicheleien kleben wie Spucke. Aber das Hässliche an ihm hat etwas gefährlich Funkelndes, man ekelt sich und schaut doch hin, wie bei einer Hinrichtung. Donald Sutherland ist böse und darin unwiderstehlich.

Der Unermüdliche

Bei seinem Auftritt im Zürcher Filmpodium am Sonntagnachmittag im Rahmen des ZFF wirkt er ebenso unwiderstehlich, aber charmant, schlagfertig und humorvoll. Ausserdem erweist sich Donald Sutherland als grossartiger Erzähler. Auf die erste Frage des Moderators, es ist der Filmproduzent Michael Barker, gibt er eine zehnminütige Antwort. Dauernd fällt ihm etwas ein, reagiert er auf die Reaktion des Publikums, macht sich über sich selber lustig. Er erzählt Anekdoten und erinnert sich an Szenen, die er mit Regisseuren wie Robert Redford, Bob Altman, Bernardo Bertolucci, John Schlesinger und all den anderen erlebt hat. ­Sutherland hat sich im kanadischen Toronto zum Ingenieur ausbilden lassen und besuchte in London die «Academy for Music and Dramatic Art».

Nach Zürich ist er gekommen, weil er einen Preis für sein Lebenswerk erhält. Er trägt Anzug, Krawatte und einen weissen Bart. Er lacht oft. Dabei geht der 83-Jährige am Stock und atmet schwer. Am Morgen hat er seine kranke Frau Francine in einem Pariser Spital besucht. Aber das scheint ihn nicht von der Arbeit abzuhalten. Sutherland hat in fast 200 Serien und 136 Filmen mitgemacht, den 137. dreht er gerade.

Zu seiner Filmografie gehören Werke wie «Don’t Look Now», «Klute», «The Dirty Dozen», «Ordinary People», «JFK», «Invasion of the Body Snatchers» und all die anderen. Dem jüngeren Publikum wurde er durch seine Nebenrolle in der vierteiligen Filmserie «The Hunger Games» bekannt. Er habe diese Rolle angenommen, sagt er in Zürich, weil er darauf hoffe, die Jungen zu politisieren. Was er von Donald Trump hält, deutet er bloss an.

Ein unbeworbener Erfolg

Möchte man Donald Sutherland in eine einzige Rolle fassen, die sein ganzes schauspielerisches Können zeigt, die Intelligenz der Figur, den Sarkasmus und den Charme, dann fällt einem vor allen anderen Filmen «M*A*S*H» ein, die Satire von Robert Altman auf den Koreakrieg. Sie erschien 1970 und las sich wie ein Kommentar auf den Vietnamkrieg, der die USA auseinanderriss. Sutherland spielt den brillanten Chirurgen Benjamin Franklin «Hawkeye» Pierce, der Autoritäten hasst, das Militär verachtet und den Krieg verdammt.

«Das Script war so schlecht», erinnert sich Sutherland, «dass wir fast alle Dialoge improvisierten.» Das sei so weit gegangen, dass die Schauspieler in derselben Szene etwas anderes sagten, also bei der Nahaufnahme anders redeten als bei der Totale. Aber diese Art von kalkuliertem Chaos machte Altman berühmt, und «M*A*S*H», für den 20th Century Fox keinerlei Werbung betrieb, geriet zum Welterfolg.

Der Gefährliche

Klar wird auch, dass selbst einer wie Donald Sutherland an der Morbus Hollywood leidet, der Angewohnheit so vieler Schauspieler zum systematischen Lob aller Kollegen und Regisseure, mit denen er gearbeitet hat. Aber er tut es auf seine Weise. Die ersten drei Wochen mit Fellini seien schwierig gewesen, sagt er etwa, die darauffolgenden elf Monate reines Entzücken. «Er sass mir auf den Knien, während er Szenen dirigierte.»

Er habe so viele Figuren gespielt, fragt Michael Barker einmal, wie bereite er sich eigentlich vor? «Du erschaffst sie und beobachtest sie.» Er habe einmal gesagt, alle seine Figuren zu lieben. Ob das auch für den Faschisten Attila gelte, den er in Bertoluccis «Novecento» spiele? «Die Figuren überwältigen mich.»

Am besten sagte es jener Regisseur, der Donald Sutherland zum Vorspielen bat, ihn am anderen Tag anrief und sagte: «Du warst grossartig, aber ich kann dich nicht nehmen: Du siehst einfach nicht aus wie der Mann von nebenan.» Ausserdem hätte man Angst vor ihm.

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