Zum Hauptinhalt springen

Erotismus für die Masse

War die gestern verstorbene Sylvia Kristel eine Kämpferin der sexuellen Revolution? Oder doch eher frauenfeindlich? Wie «Emmanuelle» einzuschätzen ist.

Wurde durch die «Emmanuelle»-Filme bekannt: Schauspielerin Sylvia Kristel.
Wurde durch die «Emmanuelle»-Filme bekannt: Schauspielerin Sylvia Kristel.
Imdb.com
Darin geht Emmanuelle zu ihrem Ehemann nach Asien, wo sie...
Darin geht Emmanuelle zu ihrem Ehemann nach Asien, wo sie...
Imdb.com
Insgesamt spielte sie in über 50 Filmen mit.
Insgesamt spielte sie in über 50 Filmen mit.
AFP
1 / 7

Was «50 Shades of Grey» heute für die Literatur ist, war «Emmanuelle» vor 40 Jahren für den Film: Die Produktion machte Softporno salonfähig. In Paris lief der Film acht Jahre in den Kinos und zog über drei Millionen Zuschauer an. Das Filmplakat, auf dem Hauptdarstellerin Sylvia Kristel mit kurzen Haaren und halb nackt in einem Lehnstuhl sitzt und mit einer Perlenkette spielt, wurde zu einem Sinnbild der sexuellen Revolution. Und Kristel zum Objekt unzähliger Männerfantasien.

Was weniger bekannt ist: «Emmanuelle» basiert auf dem gleichnamigen Roman von Emmanuelle Arsan aus dem Jahr 1970; ein französischer Underground-Bestseller, der wie der Film von einer jungen Französin handelt, die in Thailand allerlei sexuelle Erfahrungen macht. Jedem Kapitel ist ein Zitat eines berühmten Philosophen vorangestellt. Neben den Schilderungen zahlreicher sexueller Handlungen wird eine spezielle Philosophie des Erotismus propagiert («Liebe ist die Sucht nach der körperlichen Lust»), einer sexuellen Utopie, die vor allem einen Anspruch erhebt auf einen freisinnigeren und radikal anderen Umgang der Geschlechter miteinander.

Weich gezeichnete Körper

Heute mutet dieser Anspruch natürlich naiv an. Buch wie Film sind geprägt von der pseudolibertären Einstellung der Endsechziger. Der Filmdienst schrieb damals dazu: «Dieser als ‹Filmhit aus Frankreich› angekündigte Film ist nichts weiter als ein mit möchtegern-philosophischen Sprüchen aufgeblasener Boutique-Porno. Mit schönen Aufnahmen versucht er ständig, von seiner Verlogenheit und Dummheit abzulenken.»

Wahrscheinlich waren sich bereits die Zuschauer in den 70ern einig, dass die «Emmanuelle»-Produktionen inhaltlich wertlos waren. Man ging den Film sehen, weil man sich nackte Haut versprach. Zeitzeugen, sofern es sich nicht um damalige Teenager handelt, berichten denn auch enttäuscht über den Filmbesuch – der eher ein ästhetisches als erregendes Vergnügen ist: «Emmanuelle» entstand zur Musik von Francis Lai und dem Einsatz von Traumsequenzen. Körper wurden weich gezeichnet, Farbenspiele und Lichtreflexe fallen auf verschwitzte Muskeln, die Kamera streift unablässig Hintern und Brüste, nackte Oberkörper und Schenkel.

Mit Pornografie hat das nicht viel zu tun, schon gar nicht mit der heutigen. Ähnlich feministischen Pornos schmeicheln die Aufnahmen dem Körper und leuchten ihn nicht total aus. Wie auch bei härteren Sexfilmen aus den 70er-Jahren hat man das Gefühl, dass die Leute guten Sex haben – oder zumindest zusammen Sex haben, nicht jeder für sich. Dass «Emmanuelle» letztlich frauenfeindlich war, daran besteht allerdings kein Zweifel – oder wie es in der Filmzeitschrift «Frauen und Film» prophetisch hiess: «Ein Werbeprospekt für die immer beliebter werdenden (Herren-)Reisen in die freie weite Welt eines Entwicklungslandes im Fernen Osten, wo Frauen ständig verfügbar sind.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch