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Freud und Leid einer Konformistin

Konsequenter hätte man Martín Kohans preisgekrönten Roman «Sittenlehre» nicht in Bilder übersetzen können. «La mirada invisible» erzählt von einer Frau in der argentinischen Militärdiktatur.

«Wer war das?», bellt der Rektor. Jemand hat während seiner Ansprache gelacht. Schweigen. «Wer war das?!» Schweigen. «Wer weiss, wer das war?» Schweigen. «Wer weiss, wer das war, der melde es sofort!» Maria Teresa, die neue Aufseherin, weiss es. Doch ein kaum angedeutetes Lächeln des ungehorsamen Schülers verhindert, dass sie ihn anzeigt. Stattdessen verliebt sie sich auf der Stelle.

Der Kampf, der in diesem Moment in ihr tobt, spiegelt sich in ihren grossen, gehetzt hin- und herschnellenden Augen: Sie soll im Auftrag der Macht kontrollieren und hat doch ihre eigenen Gefühle nicht unter Kontrolle. Umso engagierter widmet sie sich fortan der Bekämpfung des Ungehorsams, spioniert den Schülern gar auf der Toilette nach und verliert zwischen Fäkalien und der eigenen, ungelebten Sexualität jegliche Würde.

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