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Grosse Bühne für einen Winzling

Er ist der Schweizer «Rocky» unter den Animationsfilmen: «Ma vie de Courgette» von Claude Barras könnte bei den Golden Globes und den Oscars abräumen. Weil er anders tickt als die amerikanischen Favoriten.

Sie zaubern, sie flitzen übers Meer, sie jagen Diebe, und sie ­singen sich bei Castingshows die Lunge aus dem Leib. Die Rede ist von den hyperaktiven Knaben, Mädchen und Tieren in den amerikanischen Animationsfilmen «Sing», «Zootopia», «Vaiana» und «Kubo and the Two Strings». Diese vier Werke sind für einen Golden Globe nominiert, der in der Nacht auf Montag in Beverly Hills verliehen wird.

Aber da gibt es noch einen ­fünften Mitbewerber, einen Aus­senseiter, mit dem in den USA niemand gerechnet hat – und ­dieser Film kommt aus der Schweiz: «Ma vie de Courgette» von Claude Barras handelt ebenfalls von Halbwüchsigen und ist doch ganz anders als die ameri­kanischen Filme mit ihren übermotivierten Turbofiguren.

Courgette ist ein kleiner, blauhaariger Rundkopf, der versehentlich seine alkoholsüchtige Mutter getötet hat und darauf ins Waisenhaus muss. Ein düsterer Stoff, aber auch eine hoffnungsvolle Geschichte: Die Kinder im Waisenhaus foppen und nerven sich, sie kämpfen mit ihren Fehlern und Marotten, aber sie geben nicht auf, von Zugehörigkeit und Familie zu träumen.

Auf den Spuren von «Rocky»: Der Walliser Filmregisseur Claude Barras mit Hauptfigur Courgette. Bild: zvg
Auf den Spuren von «Rocky»: Der Walliser Filmregisseur Claude Barras mit Hauptfigur Courgette. Bild: zvg

Punkto Technik unterscheidet sich «Courgette» ebenfalls von der US-Konkurrenz: Bei Barras gibt es keine Computeranimationen, die puppenartigen Figuren wurden in der sogenannten Stop-Motion-Technik Bild für Bild ­modelliert und geknetet. Von der ersten Idee bis zum fertigen Film dauerte es zehn Jahre. Hat Re­gisseur Barras in dieser Zeit je von einem Golden Globe oder einem Oscar geträumt?

«Nein», schreibt Barras, der dieser Tage mit Hauptproduzent Max Karli in den USA weilt, um den Film zu promoten. «Mein Fokus lag stets auf den Figuren, wie sie die Welt verstehen und wie sie ihre Wut in schwierigen Zeiten in den Griff bekommen sollen. Im Gegensatz zu meinen Animationskurzfilmen wollte ich diesmal jedoch das grösstmögliche Publikum erreichen.»

Grosse Köpfe, keine Hektik

Das Drehbuch zu «Courgette» schrieb die Französin Céline ­Sciamma, die Partnerin des Schauspiel-Shootingstars Adèle Haenel, auf Basis eines Romans von Gilles Paris. Der Walliser Regisseur Barras hat das Buch umgesetzt, indem er seinen grossköpfigen Kinderfiguren viel Zeit und Raum zugesteht. Da ist nichts Hektisches, nichts Rasantes an diesem Film. Und gerade in diesem quälenden Erdulden und Hoffen der Charaktere liegt die Stärke von «Courgette».

In Frankreich hat der Film über 650 000 Zuschauer, in der Westschweiz über 100 000 Zuschauer in die Kinos gelockt und «Finding Dory» überflügelt. Zudem gab es renommierte Auszeichnungen, zuletzt beim Europäischen Filmpreis als bester Animationsfilm.

Eine einfache Erzählweise wie bei ‹Courgette› ist bei US-Studios nicht möglich. Dafür ist der finanzielle Druck dort viel zu gross.

Regisseur Claude Barras

Ein gutes Omen für die Golden Globes? Produzent Max Karli, der das «Affenkasten»-Gymnasium in Biel besuchte und jetzt in Genf arbeitet, bleibt realistisch: «Wir spielen nicht in derselben Liga wie Disney, Pixar oder Dreamworks. ­Filme aus diesen Produktionshäusern kosten bis zu zwanzigmal mehr als ‹Courgette›. Aber wer weiss . . . Wir alle haben damals ‹Rocky› gesehen.»

Lob von den US-Filmstudios

Produzent Karli spielt auf den Boxerfilm von Sylvester Stallone an, der 1977 als Aussenseiter bei den Oscars antrat und die Hauptpreise abräumte. «Courgette» hat ebenfalls Überraschungspotenzial. «Als wir unseren Film bei Disney und Co. zeigten, erhielten wir viel Lob für die originelle und simple Umsetzung», sagt Regisseur Barras.

Etwas anderes als eine simple Realisierung stand für «Cour­gette» allerdings nicht zur De­batte. Insbesondere nicht vor dem Hintergrund, dass der 2007 entstandene Schweizer Animationsfilm «Max & Co.» (2007) 30 Millionen Franken verschlang – und weil jenes Werk kaum jemand sehen wollte, gingen zwei Produktionsfirmen in Konkurs.

Das Geld ging aus

«Courgette» sollte mit einem Budget von 6,5 Millionen Franken auskommen – für einen Animationsfilm extrem wenig, für eine Schweizer Produktion ex­trem viel (ein durchschnittlicher Spielfilm kostet knapp 2 Millionen).

Doch mitten in der Pro­duktion kam der Schock: «Wir sahen, dass das Geld nicht reichen würde.» Produzent Karli gab jedoch nicht auf, sondern bekniete die Geldgeber – unter anderem das Bundesamt für Kultur, das Westschweizer Fernsehen und die Region Rhône-Alpes, wo der Film gedreht wurde –, ihre Beiträge zu erhöhen.

Zudem holte Karli den in Monaco domizilierten Schweizer Produzenten Michel Merkt an Bord. Merkt sorgte 2016 am Filmfestival in Cannes für Furore, als er für nicht weniger als vier Filme im Wettbewerb als Co-Produzent auftrat – unter anderem für den deutschen Beitrag «Toni Erdmann», der beim Europäischen Filmpreis sämtliche wichtigen Preise gewann.

Disney ist nichts für Barras

Mit 8,2 Millionen Franken konnte «Courgette» schliesslich fertiggestellt werden und darf nun auf weitere Preise hoffen. 23 Jahre sind seit der letzten Golden-Globe-Nomination eines Schweizer Films vergangen. Bleibt die Frage: Was macht Regisseur Barras, wenn er einen Golden Globe oder einen Oscar gewinnt – wechselt er dann zu Disney und Co.? «Nein», sagt Barras, «ich will ­meine Unabhängigkeit bewahren und werde weiterhin Filme machen, die realistische Geschichten in nicht realistischen Looks erzählen.»

Knappe Budgets nimmt er dafür in Kauf. Barras weiss: «Etwas wie ‹Courgette› ist bei grossen US-Studios nicht möglich. Dafür ist der finanzielle Druck dort viel zu gross.»

Golden-Globes-Verleihung:8. Januar. Deutschschweizer Filmstart von «Ma vie de Courgette»: 16. Februar.

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