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«Hör zu, Vögeli, uns geht es doch gut»

Pünktlich zum Internationalen Frauentag kommt Petra Volpes «Die göttliche Ordnung» ins Kino. Der Film zeigt, wie die Schweiz 1971 zum Frauenstimmrecht kam – und wirkt gerade heute ­«erschreckend aktuell» , so Volpe.

«Teilweise wurden am Washingtoner Women’s March die gleichen Parolen gerufen wie im Film.» - Regisseurin Petra Volpe
«Teilweise wurden am Washingtoner Women’s March die gleichen Parolen gerufen wie im Film.» - Regisseurin Petra Volpe
zvg

Sofia Helins Mutter hat früher Pussy-Workshops geleitet. Vielleicht hat die schwedische Darstellerin auch deshalb zugesagt, als sie angefragt wurde, ob sie in einem Schweizer Film die Kursleiterin eines Pussy-Workshops spielen möchte. Jedenfalls taucht jetzt in «Die göttliche Ordnung» plötzlich Saga Norén auf, die famose Kriminalpolizistin aus der skandinavischen TV-Serie «Die Brücke».

Wobei Sofia Helin hier natürlich nicht Saga spielt, sondern Eden, und die beiden Figuren nicht unterschiedlicher sein könnten: Saga Norén, die ihre ermittlerische Genialität aus dem Asperger-Syndrom bezieht, dem Emotion und Empathie zum ­Opfer fallen; Eden, die hochspirituelle Frau, die aus den Tiefen ihres Wesens und Körpers Kraft schöpft – und die anno 1971 in Zürich ein paar Schweizer Froueli beibringt, wie das ist mit dem Orgasmus und der Erkundung ihrer Vagina.

Wahrhaftig belebte Figuren

Zunächst sei Tilda Swinton für die Rolle angefragt worden, sagt Regisseurin Petra Volpe, aber die habe nicht gekonnt. Nun sei sie überglücklich, dass Sofia Helin den Part spiele. Sie sei als Mensch vielmehr Eden als Saga, extrem herzlich, weich, freundlich. «Alle liebten sie am Set», erzählt die 46-jährige Aargauerin Volpe. Die Workshopsequenz ist kurz, aber sie macht deutlich, weshalb Volpe derzeit als erfolgreichste Deutschschweizer Drehbuchautorin und Regisseurin gilt: Sie versteht es, ihre Figuren wahrhaftig zu beleben, sie schreibt ­relevante Geschichten und setzt sie unterhaltsam um.

«Die göttliche Ordnung» erzählt anhand einer kleinen Gruppe von Appenzellerinnen, was es brauchte, bis 1971 auch in der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt wurde. Vom stürmischen Wind der 68er-Befreiung kaum tangiert, dominiert in den Schweizer Stuben weiterhin das Patriarchat. Auch bei Nora (Marie Leuenberger) und Hans (Max Simonischek): junge Eltern, starre Strukturen. Nora möchte wieder arbeiten, Teilzeit, doch Hans sagt: «Und wer luegt denn zu de Chind?» Und sowieso, ohne seine Zustimmung, so das Gesetz, dürfe sie nicht. Sie reden in der Küche, sie macht sauber, er sitzt mit «Blick» am Tisch, trinkt Bier und meint: «Hör zu, Vögeli, uns geht es doch gut.» Doch irgendwann hört Nora nicht mehr zu.

Erschreckend aktuell: Frauen protestieren im Film «Die göttliche Ordnung» für die Gleichstellung der ­Geschlechter. zvg
Erschreckend aktuell: Frauen protestieren im Film «Die göttliche Ordnung» für die Gleichstellung der ­Geschlechter. zvg

Auch dieser Schweizer Spielfilm kommt nicht ohne Szenen und Dialoge von braver Behäbigkeit aus, doch insgesamt ist das ein überzeugendes Werk, das zu Recht sieben Nominationen für den Schweizer Filmpreis ein­geheimst hat, als bester Film, bestes Drehbuch und für gleich fünf Darstellerawards. Besonders hervorzuheben gilt es Hauptdarstellerin Marie Leuenberger, die das weibliche Erwachen wunderbar nuanciert zeigt: Langsam entdeckt sie den eigenen Mut, anzukämpfen gegen das, was ihr so unrecht erscheint.

Schweiz an viertletzter Stelle

Die Schweiz war damals eines der letzten Länder Europas, die den Frauen alle Bürgerrechte zugestanden. Und sie hinkt noch immer hinterher: Der «Glass Ceiling Index» vom englischen Magazin «The Economist», der die Arbeitsbedingungen für Frauen untersucht, führt die Schweiz heute an viertletzter Stelle auf, hinter Staaten wie Italien, Israel oder Ungarn. «Als hoch gebildetes, sehr wohlhabendes Land müssten wir in diesen Statistiken oben stehen», sagt Volpe, «aber hier herrscht noch immer ein tief verankerter Konservatismus.»

Die auf Gesetzesebene errungene Gleichwertigkeit, sie finde in der Realität zu oft noch immer nicht statt. «Erschreckend aktuell» sei deshalb ihr Film, und das Problem in Zeiten von Trump globaler Natur: Zwei Tage nach der Premiere in Solothurn fand in Washington der Women’s March statt. «Teilweise wurden die gleichen Parolen gerufen wie im Film.» Auf dem Plakat einer Demonstrantin stand: «I can’t believe I’m still protesting this shit.» (Ich kann nicht glauben, dass ich immer noch gegen den gleichen Scheiss protestieren muss.)

Sexismus am Set

Petra Volpe erzählt von einer Studie zur Chancengleichheit in der Filmförderung aus dem Jahr 2015, wonach 55 Millionen Franken an Männer gehen und knapp 15 an Frauen – hochgerechnet erhalten die Regisseurinnen 34 Prozent der Gelder. Und sie erzählt über Sexismus am Set: «Wenn ein männlicher Regisseur sein Team sehr beansprucht, finden das alle intensiv. Wenn es bei einer Frau anstrengend wird, dann gilt sie schnell als zickig und schwierig.»

Mit dem Film tourt Petra Volpe jetzt auch durch die Schulen. Eine interessante Frage habe ihr kürzlich ein 18-jähriger Lehrling gestellt: «Ey, was het imfall Orgasmus mit Frauestimmrecht ztue?»

«Die göttliche Ordnung» läuft ab morgen im Kino.

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