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Hollywoods neuer Darling

Bong Joon-ho hat gerade vier Oscars gewonnen. Wer ist der Südkoreaner?

Pascal Blum
Und jetzt gehen wir trinken: Bong Joon-ho posiert für die Fotografen. Bild: Reuters
Und jetzt gehen wir trinken: Bong Joon-ho posiert für die Fotografen. Bild: Reuters

Er ist sich ja die Umarmungen mittlerweile gewöhnt. Aber wahrscheinlich wäre es nicht einmal Bong Joon-ho eingefallen, dass er an der 92. Verleihung der Academy Awards am Ende nicht ein, nicht zwei, nicht drei Mal, sondern vier Mal auf die Bühne gerufen wird.

«Parasite» des koreanischen Regisseurs gewann am Sonntag in den Kategorien Beste Regie, Bester internationaler Film, Bestes Original-Drehbuch und Bester Film und setzte sich damit nicht nur gegen Favoriten wie «Once Upon a Time … in Hollywood» von Quentin Tarantino und «The Irishman» von Martin Scorsese durch, sondern auch gegen den für den Hauptpreis hochgehandelten Weltkriegskraftakt «1917».

In der 92-jährigen Oscar-Geschichte ist «Parasite» das erste untertitelte Werk, das zum besten Film gekürt wurde. Der Sieger von 2012, «The Artist», war als französische Produktion zwar ebenfalls eine fremdsprachige Eingabe, hatte aber praktisch keine Dialoge.

Mit Bong Joon-ho triumphiert ein Festivalliebling und rundum freundlicher Mensch an der Oscar-Verleihung. In seiner Rede nach der Vergabe des Regie-Preises dankte er als Erstes den anderen nominierten Filmemachern, denn darunter waren gleich zwei seiner grossen Vorbilder: Quentin Tarantino und Martin Scorsese. Diesen zitierte er mit dem Satz «Das Persönlichste ist das Kreativste», der salutierte und klatschte mit feuchten Augen. Am liebsten hätte Bong Joon-ho eine «Kettensäge» gehabt, um die Statuette auseinanderzuschneiden und unter seinen Mitnominierten zu verteilen.

Nach der Goldenen Palme in Cannes 2019 für «Parasite» hatte der 1969 im südkoreanischen Daegu geborene Regisseur einen Preis um den anderen eingesammelt; auf Twitter wuchs seine Fangemeinde namens #BongHive. Die Oscars nannte der Koreaner auch schon mal eine «lokale Veranstaltung».

Mit seinem Triumph globalisiert und politisiert er die Gala: «Parasite» ist eine böse sozialkritische Parabel auf die koreanische Gesellschaft. Eine mittellose Familie schleust sich da ins Anwesen einer vermögenden Familie in Seoul ein, indem sich ein Mitglied ums andere als Bediensteter ausgibt.

Video: Die Reaktionen der Oscar-Sieger

Im Grunde ist «Parasite» eine Genreerzählung, aber gepaart mit subversivem Humor und einer Regie von allerhöchster Eleganz, die die Symbolik gekonnt einsetzt. Ein exquisiter Horror, sozusagen: Seit er für seinen Monsterthriller «The Host» von einem Ungeheuer erzählte, das Grossfirmen erschaffen haben, indem sie Chemieabfall in den Fluss kippten, thematisiert der Koreaner immer wieder den Klassenkampf und seine unwahrscheinliche revolutionäre Zelle: die liebenswürdige, aber etwas vertrottelte arme Kleinfamilie.

Als Soziologiestudent in den 80er-Jahren nahm Bong Joon-ho öfter an Demonstrationen der Demokratiebewegung teil, das jugendliche Aufbegehren und der Sinn für Action prägen sein ganzes Werk. So gut wie in «Parasite» kamen die Teile bislang aber nicht zusammen. Weder sein Hollywood-Ausflug mit der Comicverfilmung «Snowpiercer» noch seine für Netflix gedrehte Ökoparabel «Okja» reichten daran heran.

Einer glänzt: Bong Joon-ho nach der Oscar-Verleihung am Sonntag. Foto: Reuters
Einer glänzt: Bong Joon-ho nach der Oscar-Verleihung am Sonntag. Foto: Reuters

Selbstverständlich gibt es unter den rund 8000 Mitgliedern der Oscar-Akademie genug Leute, die die Souveränität von Regie und Schauspielführung erkennen, wenn sie sie vor sich haben. Und doch hat wohl die in letzter Zeit forcierte Verjüngung und Internationalisierung der Mitgliederstruktur ein Stück zu diesem historischen Sieg beigetragen: Wenn schon keine Filmemacherinnen im Regiefach nominiert waren und sich die meisten Filme um erschöpfte ältere Männer zu drehen schienen, wollte man die Vielfalt wenigstens durch die Hintertür ein bisschen stärken.

Natürlich könnte auch mitgespielt haben, dass es in der Filmindustrie genug Gutverdienende gibt, die Hausangestellte beschäftigen. Dass ausgerechnet in Hollywood ein antikapitalistisches Sittenbild triumphiert, entbehrt nicht der Ironie, aber die Kritik von «Parasite» trifft auch im Grossraum Los Angeles einen Nerv: Für eine ganze Klasse von (vorwiegend) Zugewanderten gibt es auch dort kein anderes Leben als die Dienstexistenz, die Abhängigkeit von den Villenvierteln, ein reines Krümelleben.

Bong Joon-ho zeichnet dieses Dasein in seinem Film als Verdammung zum Schmarotzen: Die arme Familie in «Parasite» wohnt in einem Loch im Souterrain, wo der städtische Schädlingsbekämpfer sein Gift einfach mal reinsprüht, wohnt ja eh niemand dort.

Die liebenswürdige Familie von «Parasite». Foto: Filmcoopi
Die liebenswürdige Familie von «Parasite». Foto: Filmcoopi

Am Ende aber lag der Grund für den koreanischen Oscar-Triumph vielleicht einfach an der Liebe zum Film «Parasite», der im Kino Schauder und Gelächter auslöst, und zum Regisseur Bong Joon-ho, der alle seine Reden mit Übersetzerin bestreitet und dabei jedes Mal so wirkt, als sei es ihm unangenehm, sich vor so vielen Leuten zu bedanken, wo er doch nur mit ein paar Freunden feiern wollte.

Mit dem vierfachen Oscar-Sieg jedenfalls gehört Bong Joon-ho nun definitiv zu Hollywoods Darlings. Für die koreanische Filmindustrie, die seit Jahren einen cleveren Genrefilm um den anderen produziert, wo sich stilistische Vielfalt mit roher Kinogewalt paart, bedeutet der Best-Picture-Oscar einen zusätzlichen Schub. Bong Joon-ho wird nun bestimmt das eine oder andere Angebot erhalten. Aber so, wie man ihn kennt, wird er sich die Sache erst einmal in Ruhe überlegen, wahrscheinlich bei einer Flasche Soju.

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