«Ich stand mit beiden Füssen im Morast»

Für Lambert Wilson war es eine spezielle Herausforderung, einen Ritter in Taverniers Film «La Princesse de Montpensier» zu spielen.

Gelehrter Ritter: Lambert Wilson mit Mélanie Thierry als Prinzessin.

Gelehrter Ritter: Lambert Wilson mit Mélanie Thierry als Prinzessin.

(Bild: Frenetic)

In «Des hommes et des dieux» spielten Sie den Mönch Christian, in «La Princesse de Montpensier» nun den Comte de Chabannes. Ist es ein Vor- oder Nachteil, unmittelbar nacheinander zwei so verwandte Figuren zu spielen? Dieser Gleichklang zwischen den Figuren war wirklich erstaunlich: Sie sind Männer des Glaubens, der Gewaltlosigkeit und von bewundernswerter Gelehrsamkeit. Beides sind Charaktere, die mir sehr fremd waren, weit entfernt von meinen persönlichen Erfahrungen. Meine grösste Sorge war, mich zu wiederholen, denn beide Filme entstanden beinahe gleichzeitig: Während wir «La Princesse» drehten, studierte ich abends nach Drehschluss die lateinischen Gesänge für den Mönchsfilm ein. Acht Monate lang arbeitete ich in einem wirklich atemlosen Tempo: im Herbst der Film mit Tavernier, dann «Des hommes et des dieux», gleich im Anschluss trat ich in Paris in einem Musical von Stephen Sondheim auf, und danach habe ich mit der Inszenierung eines Stücks von Marivaux begonnen. Ich hatte keinen einzigen Ruhetag in dieser Zeit. Das war ungeheuer intensiv. Am Ende brach ich erschöpft zusammen.

Die Dreharbeiten zur «Princesse» begannen im Herbst, obwohl das Drehbuch erst Ende August fertig war. Wie intensiv konnten Sie sich da überhaupt vorbereiten? Als ich meinen ersten Film drehte, kam ich vom Theater, wo ich lange, intensive Proben gewohnt war. Das ist ein Privileg, das man im Kino nur selten hat, bei Alain Resnais etwa. Ich habe also gelernt, im Kino instinktiver und pragmatischer vorzugehen. Tavernier ist es wichtig, sehr schnell zu drehen, wie in einem Rausch. Er will den Film eigentlich erst bei den Dreharbeiten entdecken. Man diskutiert mit ihm nicht über Psychologie, sondern entwickelt die Figur aus ganz konkreten Details.

Wie haben Sie es vermieden, sich in den ähnlich angelegten Rollen als Klosterbruder und als frommer Ritter zu wiederholen? Die Kostümproben waren ein entscheidender Ausgangspunkt für die Entwicklung der Figuren. Die Kutten der Mönche in «Des hommes et des dieux» schränken die Bewegungsfreiheit enorm ein, mit ihnen vollführt man keine überflüssigen Gesten. Sie verpflichten zur Langsamkeit, Gravität. Chabannes hingegen trägt sein Kostüm wie eine Rüstung. Er besitzt den Körper eines alternden Söldners, ist den Kampf gewohnt. Davon ging ich aus, um seine Haltung, seinen Gang zu finden. Bei Bruder Christian war es dann der Gesang, der mir half, die Figur zu finden. Man arbeitet stark mit der Atmung. Es ist fast so, als würde man sich vom Körper lösen: Der Gesang führt einen empor in ungekannte Höhen der Erhabenheit.

In «La Princesse de Montpensier» mussten Sie dagegen auf dem Boden bleiben ... Ja, ich stand mit beiden Füssen im Morast! Das legt einen Schauspieler auf ein bestimmtes Körperspiel fest, was für mich stets ungeheuer wichtig ist. Wenn der Körper nicht spricht, was kann dann noch im Kino passieren? Der Zuschauer spürt sofort, wenn es dem Darsteller an Energie fehlt. Diese Erfahrung mache ich immer wieder, wenn ich im Theater selbst Regie führe. Französische Schauspieler haben die Tendenz, zu intellektualisieren. Man muss ihnen eine physische Aktivität geben, um sie aus diesem vergeistigten Ansatz zu befreien.

Die vorherrschende Handlung im französischen Kino scheint tatsächlich das Sprechen zu sein. Absolut. Das kann rasch langweilig werden. Der Körper muss beschäftigt werden, damit das Spiel organisch wird. Das habe ich während des Schauspielunterrichts in England gelernt. Mein Lehrer fragte nach jeder Szene: «Ist Ihr Hemd verschwitzt?» Da war es immer besser, mit «Ja!» zu antworten.

Ich stelle mir vor, dass Dialoge bei einem historischen Stoff eine besondere Herausforderung sind? Die jungen Darsteller waren eingangs auch ziemlich eingeschüchtert. Die Dialoge schillern zwischen den Epochen, müssen auch eine moderne Resonanz haben. Ich habe sie sofort geliebt, zumal Chabannes in der Novelle von Madame de Lafayette, die dem Film zugrunde liegt, weit weniger ausgearbeitet ist als im Drehbuch. Die Dialoge führten mich präzise auf den inneren Parcours, den er beschreitet. Die Grosszügigkeit seiner Seele berührt mich zutiefst. In der Literatur haben mich stets die Figuren am meisten interessiert, die lieben, ohne dass ihre Liebe erwidert wird. Ich fühle mich angezogen von Charakteren, die ihre Gefühle verbergen müssen und im Stillen leiden.

Chabannes ist einerseits Beobachter und zugleich der Dreh- und Angelpunkt des Films. Ja, er bildet ein wenig das Rückgrat. Seine Liebesgeschichte mit Marie allein ist schon tief und dramatisch genug, um einen eigenen Film zu tragen. Aber er ist eben nicht nur ein Liebender, sondern auch ein grossartiger Lehrer, ein Humanist. Er verfasst Poesie, musiziert, studiert die Natur und die Astrologie. Solche Menschen würde ich auch gern im realen Leben kennen lernen. Der spanische Regisseur Carlos Saura, mit dem ich einmal gedreht habe, kommt diesem Ideal sehr nahe. Er dreht nicht nur Filme, sondern schreibt auch und ist ein ausgezeichneter Maler. Vielleicht war es diese Vollkommenheit an Chabannes’ Charakter, die es mir so schwer machte, sein Kostüm abzulegen – noch schwerer als die Mönchskutte von Christian. Er wurde für mich zu einem vertrauten Weggefährten. So wie er würde ich gern alt werden.

Tages-Anzeiger

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