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Jungfilmer zieht das grosse Los

Ein Dorf verkauft sich selbst an einen ägyptischen Multimilliardär: Andermatt wandelt sich vom Bergdorf zur Tourismusdestination. Der Berner Student Leonidas Bieri dreht dank breiter Unterstützung einen Kinofilm darüber.

Sein Name ist Samih Sawiris, er ist Ägypter und steinreich. Andermatt ist eine Gemeinde im Kanton Uri, auf 1400 Meter über Meer, 1258 Menschen leben da. Andermatt ist nicht steinreich, im Gegenteil. Arbeitsplätze gingen verloren, und vor allem zogen Einwohner weg. Doch die mageren Jahre sind vorbei. Multimilliardär Sawiris und seine Investorfirma Orascom haben hier Grosses vor: Der arme Wintersportort wird zum Luxusferienresort. Auf 1,46 Quadratkilometern lässt Sawiris Hotels, Ferienwohnungen, Freizeitanlagen bauen, nicht fehlen darf ein 18-Loch-Golfplatz. Sawiris behauptet: «Bei meinem Projekt gibts nur Gewinner.» Tatsächlich? Andermatt verkauft sich selbst, und keiner weiss, welche Auswirkungen das gigantische Projekt auf die Lokalbevölkerung haben wird. Leonidas Bieri auch nicht. Der 28-jährige Berner Student will es herausfinden. Er dreht einen Dokumentarfilm über Andermatt und die Suche nach dem Glück.

Das Studium muss warten

Jungfilmer Bieri hatte gerade seinen ersten, 50-minütigen Dok-Film «Warten auf die Zukunft» ans Schweizer Fernsehen verkaufen können, als ihm ein Kollege davon erzählte, was in Andermatt im Gang war. «Eigentlich hatte ich nicht im Sinn, gleich einen nächsten Film zu drehen», sagt Bieri. Er wollte sein Studium in Geschichte und Geografie an der Universität Bern abschliessen. Daraus wird vorerst nichts. Dafür wurde aus der Idee des Kollegen ein Filmprojekt, das Dimensionen angenommen hat, von denen der gebürtige Zürcher noch vor ein paar Monaten nicht zu träumen wagte. Bieri mietete sich zu Beginn des Jahres in Andermatt eine kleine Wohnung und verliess Bern für ein paar Monate, um vor Ort erste Kontakte zu knüpfen. Quasi «undercover» trat er im Skigebiet eine Stelle als Parkplatzeinweiser an. Er hörte den Einheimischen zu, diskutierte mit ihnen und merkte bald: Sawiris ist omnipräsent. «Bei minus 18 Grad fünf Stunden lang Autos einzuweisen war nicht nur lustig», sagt Bieri rückblickend. Angenehmer wurde es, nachdem er zum Gondelfahrer «aufgestiegen» war. Zürcher Firma springt auf Es war irgendwann während dieser ersten Recherchearbeiten, als Bieri erfuhr, dass er nicht alleine war mit seiner Idee. Die Zürcher Filmproduktionsfirma Condor Films plante ebenfalls einen Dokumentarfilm über die Entwicklungen in Andermatt. Die beiden Parteien trafen sich, verhandelten und kamen zum Schluss: Wir machen die Sache gemeinsam. Bieri als Regisseur, als Mann vor Ort mit den Kontakten, Condor als Produzent, mit dem Know-how des Filmemachens, mit den finanziellen Mitteln, mit den Kameras.

Bieri hatte ursprünglich geplant, einen kleinen Dokumentarfilm zu drehen. Condor Films sah vor, einen 90-minütigen Kinofilm zu produzieren. «Eine grosse Chance, die ich dank dieser Zusammenarbeit erhalte», stellt Bieri fest. Gleichzeitig spürt er, dass der Druck gewachsen ist und mit ihm die Nervosität: «Ich hatte auch schon schlaflose Nächte.» Für das gesamte Projekt rechnet Condor mit einem Budget von mehreren 100'000 Franken. Förderbeiträge erhielten die Filmer bisher von Bundesamt für Kommunikation sowie von der Zürcher Filmstiftung. Und mittlerweile fungiert das Bayerische Fernsehen als Co-Produzent. Unzählige Gespräche hat Bieri mit Menschen aus Andermatt geführt. Seine Aufgabe ist es, das Vertrauen der Lokalbevölkerung zu gewinnen. Vom Moment an, da er sein «Undercover»-Dasein aufgab und den Gesprächspartnern seine Absicht kundtat, wurde es nicht einfacher. «Viele Menschen fürchten es, sich zu exponieren», so Bieri. Wie etwa die ältere Frau, die ihm vor ein paar Tagen eine Absage erteilt hat – eine Enttäuschung für den Regisseur: «Sie hätte sich bestens für den Film geeignet.»

Der erste Gewinner

Etwa sechs Protagonisten sollen im Film «Andermatt und die Suche nach Glück» dereinst zu Wort kommen. Ihre Gefühle und Worte werden dokumentieren, was sich in der Berggemeinde in den nächsten vier Jahren bewegt – innerhalb dieses Zeitraums wird der Film entstehen. Schliesslich sind in Andermatt eben erst die Bagger aufgefahren. Es wird eine Weile dauern, bis sich zeigt, ob der ägyptische Investor Samih Sawiris Recht bekommt mit seiner Behauptung, das Projekt kenne keine Verlierer. Einen Gewinner gibts schon: den einstigen Parkplatzeinweiser aus Bern.

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