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Kinderzimmer mit KZ-Aussicht

Die englische Romanverfilmung «The Boy in the Striped Pyjamas» schildert den Holocaust aus der Perspektive des Sohnes eines Lagerkommandanten: aufwühlend und ergreifend.

Wer heute einen Film über den Holocaust drehen will, begibt sich auf schwieriges Terrain. Einerseits bleibt das reale Grauen auf der Leinwand undarstellbar. Andererseits wurde es schon unzählige Male verfilmt. Ein spezieller ZugangDer britische Regisseur Mark Herman («Brassed Off») begegnet diesem Dilemma, indem er mit «The Boy in the Striped Pyjamas» gar nicht erst versucht, historisch Verbürgtes abzubilden. Für seine fiktive, allegorische Geschichte wählt er zudem einen speziellen Blickwinkel: Der achtjährige Bruno (Asa Butterfield), der im Mittelpunkt der Verfilmung von John Boynes Roman steht, ist der Sohn des Kommandanten eines Vernichtungslagers.In einer knappen Parallelmontage zu Beginn etabliert Herman seine ungewohnte Erzählperspektive. Er zeigt Bilder der Deportationen: deutsche Soldaten, die jüdische Familien in einem Berliner Innenhof zusammentreiben. Dann rückt Bruno ins Bild, unbeschwert spielend kommt er nach Hause – und erstarrt, als er Männer Möbel wegschleppen sieht. Doch Brunos Eltern sind keine Juden. Im Gegenteil: Sein Vater (David Thewlis) ist eine echte Nazigrösse. Den bevorstehenden Umzug «aufs Land» feiert er mit Parteigenossen. Kurz darauf reist Bruno mit seinen Eltern und seiner vier Jahre älteren Schwester Gretel (Amber Beattie) den Juden hinterher.Fast frei von SchockszenenSo wie der Film beginnt, entwickelt er sich auch weiter: zurückhaltend, ohne Pathos, fast frei von Schockszenen. Bruno erlebt seinen Vater als liebevollen Papa, auf den er mächtig stolz ist. Die Gewalt findet meist hinter verschlossenen Türen statt, ausserhalb des kindlichen Blickfeldes. Das macht den von David Heyman («Harry Potter») produzierten Film jugendtauglich, aber auch besonders verstörend. Die Faszination des Bösen erhält keinen Raum. Herman stellt den Holocaust nicht aus, inszeniert keine Schreckensbilder. Ein paar Hinweise müssen genügen. Allmählich erhascht Bruno Einblicke hinter die Fassade. Von einem Fenster des neuen Hauses aus kann man das KZ sehen. Bruno wundert sich, dass die «Bauern auf der Farm» alle Pyjamas tragen. Am nächsten Tag ist das Fenster vernagelt.Eine Expedition zum KZAm schlimmsten ist für den Jungen aber erst einmal die Langeweile. Die Schaukel im Hof füllt sie nicht aus und erst recht nicht der nationalsozialistische Hauslehrer. Dieser versucht Bruno und seine Schwester ideologisch auf Kurs zu bringen und hat zumindest bei Gretel Erfolg (ein Gesinnungswandel, der etwas plakativ ausfällt). Bruno dagegen träumt weiter von fantastischen Abenteuern, stiehlt sich heimlich davon und landet bei einer seiner Expeditionen beim Lager. Auf der anderen Seite des Zaunes hockt ein verwahrloster jüdischer Junge, Shmuel (Jack Scanlon). Schnell freunden sich die beiden Kinder an. Unwissentlich begibt sich Bruno dadurch in Lebensgefahr. Natürlich hofft man, dass ihm nichts geschieht, aber es bleibt eine bittere Hoffnung, weil sie die Menschen im Lager nicht mit einschliesst. «The Boy in the Striped Pyjamas» ist ein aufwühlender, nie rührseliger Film, der sich dem Holocaust auf irritierend naive, zärtliche Weise nähert und gerade dadurch dessen perverse Banalität offenlegt. Der Film läuft ab Donnerstag im Kino.>

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