Mitten in der Horrorshow

Kathryn Bigelow lässt in «Detroit» glaubwürdig das erdrückende Klima der Bürgerunruhen von 1967 aufleben. Doch der nervenzermürbende Mittelteil des Film überschreitet die Grenze zur Horrorshow.

Vor der Strassenschlacht: Szene aus dem Film «Detroit».

Vor der Strassenschlacht: Szene aus dem Film «Detroit».

(Bild: zvg)

Die Einführung ist sorgfältig: Im Vorspann wird in knapper Form erklärt, weshalb sich die afroamerikanische Bevölkerung 1967 mit öffentlichen Protesten gegen diverse Formen von Diskriminierung zu wehren begann. Nach diesen Einblendungen geht es in den Hexenkessel: Eine Strasse bei Nacht. Eine Razzia. Polizisten heben einen Musikclub aus, die Situation eskaliert und mündet in eine Strassenschlacht.

«Die Zuschauer sollen sich fühlen, als seien sie dabei», sagt Regisseurin Kathryn Bigelow («The Hurt Locker») über ihren militanten Regiestil. Wertet man diese Aussage als Versprechen, so hat Bigelow dieses bereits in den ersten Minuten von «Detroit» eingehalten. Anschliessend führt der Film diverse Figuren ein: Eine junge männliche A-cappella-Formation wartet auf ihren Durchbruch, zwei weisse Partygirls treiben sich abenteuerlustig an einem Pool herum. Anderswo fällt ein junger Polizist schon früh dadurch auf, dass er den Begriff «Notwehr» beim Zücken der Schusswaffe freizügig auslegt.

Verhängnisvolle Nacht

All diese Figuren treffen in einer verhängnisvollen Nacht in einem Motel aufeinander. Niemand ist aktiv an den Aufständen beteiligt, aber die Stimmung ist geladen. Ein missverständlicher Knall führt zu einem Polizeieinsatz. Das Motel wird gestürmt. Die Folgen sind fatal. Unschuldige Menschen werden im Hausflur an der Wand aufgereiht und von der Polizei wehrlos mit Dro­hungen, Erniedrigungen und schliesslich tödlicher Gewalt konfrontiert.

Das alles wird basierend auf Zeugenberichten geschildert – der Vorfall hat sich 1967 zugetragen – und mit grösstmöglicher historischer Genauigkeit. Wobei Bigelows Credo auch hier wieder lautet: Das Publikum muss sich fühlen wie mittendrin.

In der Tat geht diese schwer ­erträgliche Schlüsselszene des Films unter die Haut, aber je länger sie dauert – und sie dauert sehr lang – desto stärker fällt ins Gewicht, dass der von Will Poulter («The Revenant») gespielte Polizist völlig überzeichnet ist. Die Figur erweist sich als sadistischer, sexistischer und rassistischer Psychopath und erinnert in dieser Schilderung eher an einen übergeschnappten Horrorfilmbösewicht als an einen übereif­rigen Gesetzeshüter, der seine Kompetenzen massiv überschreitet.

Systemischer Rassismus

Hätte Bigelow diesen Charakter etwas zurückgenommen, hätte sie damit klarer betonen können, dass die Tragödie stärker mit ­systemischem Rassismus in der Detroiter Polizei zu tun hatte als mit dem Austicken eines unberechenbaren Individuums.

Die politische Dimension fällt dann allerdings im dritten Akt wieder ins Gewicht, der sich in einem Gerichtssaal abspielt. Die Nüchternheit, mit der die Regie nun verfolgt, wie ein unbestritten skandalöser Gewaltakt vertuscht werden soll, gehört dann wieder zu den wahren Stärken des Films.

«Detroit»: Der Film läuft ab Donnerstag im Kino.

Berner Zeitung

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