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Mutterglück und Menschenfleisch

Wenn Mutter und Tochter einen Road-Trip machen und der Leuchtturmwärter eine Leiche im Keller hat: Die ersten beiden Schweizer Wettbewerbsbeiträge am Zurich Film Festival überzeugen nur bedingt.

Was ist normal, was ist verrückt? Mutter (Hanna Schygulla) und Tochter (Nina Meurisse) machen eine Reise.
Was ist normal, was ist verrückt? Mutter (Hanna Schygulla) und Tochter (Nina Meurisse) machen eine Reise.
PD

Am Zurich Film Festival sind am Samstag die ersten beiden Schweizer Wettbewerbsbeiträge uraufgeführt worden: «Avanti» über eine liebenswert durchgeknallte Mutter und «Leuchtturm, Leichen & Pasteten» über einen dämonischen Leuchtturmwärter.

«Avanti», der Spielfilmerstling der Lausanner Videokünstlerin Emmanuelle Antille, lebt von den Hauptdarstellerinnen Hanna Schygulla und Nina Meurisse. Schygulla spielt in dem Film, der im internationalen Wettbewerb läuft, Suzanne, die aus den Konventionen des Alltags ausgestiegen und in die Psychiatrie eingewiesen worden ist.

Ihre erwachsene Tochter Léa (Meurisse) schwankt zwischen Bewunderung für die fröhliche Ungezwungenheit der Mutter und der Angst davor, selber wie sie zu werden. Auf einem gemeinsamen Road-Trip versucht sie, die Distanz zwischen ihnen beiden zu überwinden.

Normal ist langweilig

Zunächst filmt sie die Mutter noch mit der Handkamera und vergleicht die neuen Aufnahmen mit alten Familienvideos, auf denen die Mutter «normal», aber auch langweilig scheint. «Damals ging es ihr noch gut», sagt der Vater.

Aber geht es der Mutter nicht heute besser, wenn sie durchs Rapsfeld tanzt, auf der Autobahnbrücke die Bluse lüpft oder angezogen im Pool planscht? Und würde es der verklemmten Tochter nicht auch besser gehen, wenn sie Ähnliches täte? Die Regisseurin lässt die Frage offen.

Mit Schygulla hat Antille die perfekte Darstellerin für Suzanne gefunden. Eine kindlich-entrückte Aura hatte die immer noch äusserst attraktive 68-Jährige schon in den Filmen von Rainer Werner Fassbinder. Für «Avanti» musste sie das lediglich verstärken.

Schade nur, dass Antille ihr kein vielseitigeres Script geboten hat. Distanz zwischen Mutter und Tochter und fliessende Grenzen zwischen normal und verrückt – das hat man schon gefühlte 100 Mal gesehen.

Bruchbude statt Luxusschuppen

Operiert Antille in «Avanti» mit dem psychologischen Skalpell, bevorzugt Matthias J. Michel in seiner schwarzen Komödie «Leuchtturm, Leichen & Pasteten» die von den Gebrüdern Coen in «Fargo» erprobte Holzhäckslermethode.

Der im deutschsprachigen Spielfilmwettbewerb startende Beitrag erzählt von einer Schicki-Micki-Tussi, die wegen eines Buchungsfehlers statt in einem Resort voller «Luxus und lüsterner Männer» in einem heruntergekommenen Leuchtturm auf einer abgelegenen Insel landet.

Das Handy hat keinen Empfang, das nächste Boot geht erst in einer Woche, ein anderer Tourist (Daniel Mezger) erhebt Anspruch auf das einzige Bett und der Leuchtturmwärter hat – wie originell! – eine Leiche im Keller.

Die Flucht vor dem präsumptiven Mörder (Manfred Liechti) aufs Festland – wo man ohnehin schnellstens ein Millionenlos einlösen sollte – misslingt, ein dritter Gast verkompliziert alles.

Am Schluss ist dennoch alles eitel Freude, dank einem Rezept des dämonischen Leuchtturmwärters, das man aus Filmen wie «Dänische Delikatessen» und «Fried Green Tomatoes» kennt.

Optisch reich, sprachlich arm

Matthias J. Michels Langfilmerstling überzeugt immerhin optisch und präsentiert einige lustige Einfälle wie «Filmriss»-Rückblenden oder ein fliegendes Kondom als Handy-Transporteur. Und der Plot birgt hinlänglich Überraschungen.

Beim Script und der Schauspieler-Führung hätte sich der Filmemacher allerdings Hilfe holen sollen: Die Dialoge wirken unnatürlich und die Schauspieler – vor allem Maria Boettner – chargieren weit stärker, als selbst in Komödien erforderlich ist.

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