Nächster Halt: Animation

Das Badener Festival Fantoche bietet Blicke hinter die Kulissen, Virtual-Reality-Erfahrungen und eine Portion höheren Blödsinn.

Auf der Flucht: Szene aus der Virtual-Reality-Dokumentation «Another Dream». Foto: Tamara Shogaolu

Auf der Flucht: Szene aus der Virtual-Reality-Dokumentation «Another Dream». Foto: Tamara Shogaolu

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Sie sind überall, auch dort, wo man sie auf Anhieb nicht vermuten würde. Animationen. Zum Beispiel in diesem weissen Oldtimer-Bus, der in Baden auf dem Bahnhofplatz steht und in dessen rot bestuhlten Innerem man je nach Herkunft und Gemütslage verweilen, abtauchen oder weiterreisen kann: Eine Handvoll Kurzfilme übers Leben am Wasser oder die tägliche Pendlermühsal flimmert da über eine geschätzt 1×1,5 Meter kleine Leinwand.

Den knapp zwanzig Personen fassenden Bus, der wackelt, wenn man ein- oder aussteigt, kann man durchaus als Symbol dieses Festivals begreifen, denn Fantoche hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Seit 1995 tourt der Anlass kreuz und quer durch Baden, zunächst als Biennale, bis es unter den Gründern zum Knall kam und die Ausgabe 2001 wegen Geldmangels ausfiel.

Eine Flucht als Virtual-Reality-Erlebnis

Seit die Subventionen fliessen, hat sich das Festival im jährlichen Rhythmus allerdings stattlich entwickelt und bietet immer wieder überraschende Erfahrungen, erlaubt Blicke hinter die Kulissen, lotet die Bandbreite des Genres aus. Aktuell lässt zum Beispiel der Künstler Bertold Stallmach im Gluri-Suter-Huus in Wettingen zwei animierte Puppenfiguren (Kröte und Fuchs) in einer Videoinstallation über Burn-out und Management referieren. In der Festivalbar wird ein von David Bowies «Space Oddity» inspiriertes Konzert inklusive Liveanimationen aufgeführt. Und in der Reformierten Kirche und der Stanzerei kann man sich an interaktiven Installationen betätigen oder mittels Brille und Kopfhörer durch Virtual-Reality-Welten gleiten. Zum Beispiel, indem man einem lesbischen Paar auf seiner Flucht von Ägypten nach Holland folgt («Another Dream» von Tamara Shogaolu) und dank vollständig animierter 360-Grad-Projektion den beängstigenden Trip hautnah miterlebt. Schade bloss, dass die Technik nicht immer mitmacht, manchmal steigen die Virtual-Reality-Programme auch ganz aus.

Dass Perfektion nicht alles ist, zeigt sich allerdings auch da, wo die Animation am häufigsten anzutreffen ist – auf der Kinoleinwand. Jedenfalls behauptet das der holländische Regisseur Hisko Hulsing. Er steuerte für die Kurt-Cobain-Dokumentation «Montage of Heck» (2015) die Animationen bei und wurde darauf von Ex-Disney-Boss Michael Eisner für die Serie «Undone» angeheuert.

Trailer zur Animationsserie «Undone». Quelle: Amazon Prime Video

In den 8 mal 22 Minuten dauernden Folgen gehts um eine junge Frau (Rosa Salazar, «Alita: Battle Angel»), die nach einem Autounfall in die Vergangenheit reisen kann und dabei ihrem toten Vater (Bob Odenkirk, «Breaking Bad») begegnet, wobei unklar bleibt, ob diese Erfahrungen realer oder bloss psychotischer Natur sind. Hulsing hat für «Undone» die Rotoskopie-Technik verwendet, ein Verfahren, bei dem reale Filmszenen nachträglich Bild für Bild animiert werden. Der auch als Künstler, Illustrator oder Comicautor tätige Regisseur liess zudem über 800 Ölbilder für Hintergrundaufnahmen malen. Der Grund: «Herkömmliche Computeranimationen wirken oft leblos, da sie zu perfekt sind.»

Quasselndes Obst und bekloppte Hasen

Solche Begegnungen mit Filmschaffenden, die Einblicke in ihre Werkstatt gewähren, gehören zu den Highlights bei Fantoche. Aber das Festival wäre nicht komplett, wenn es neben solchen Attraktionen nicht auch das Gegenteil präsentieren würde – also seltsam abstruse, mitunter miserabel animierte Clips, die erfolgreich im Internet kursieren. Da bekommt man zum Beispiel quasselndes Obst, bekloppte Hasen oder mörderische Lamas geboten.

400 Millionen Aufrufe auf Youtube: «The Duck Song» von Bryant Oden (Musik) und Forrest Whaley (Video). Quelle: forrestfire101

Eine der berühmtesten Online-Animationen ist jedoch «The Duck Song». In diesem Nonsense-Lied watschelt eine Ente Tag für Tag zum Limonadenverkäufer und möchte Trauben kaufen, was den Verkäufer immer mürrischer werden lässt, weil er solche ja nicht hat. Der Clip von 2009 erreichte auf Youtube sagenhafte 400 Millionen Aufrufe. Dabei sind die Figuren nahezu unbeweglich und wackeln bloss ein bisschen, wenn sie reden – fast so wie der Fantoche-Bus auf dem Bahnhofplatz, wenn man ein- oder aussteigt.

Fantoche: Bis 8. September
«Undone»: Ab 13. September auf Amazon Prime

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