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Rekonstruierter Schmerz

Die Ehefrau von Nils Malmros tötete einst das gemeinsame Kind. Vor einem Jahr drehte er einen Film darüber. Das Festival «Bildrausch» widmet sich dem grossen Realisten, der Filme über Unfassbares dreht.

«Sorrow and Joy» (2013), der Spielfilm des dänischen Regisseurs Nils Malmros, ist unangenehm. Man bringt ihn nicht mehr aus dem Kopf, und man schafft ihn sich nicht leicht von der Seele. Er zwingt zur Nähe.

Man mag es sich nämlich gar nicht vorstellen, wie das wäre: Man wäre ein verheirateter Mann, ein Filmemacher vielleicht, und der käme eines Abends nach Hause nach getaner Arbeit, einem Vortrag über das Verhältnis von Kino und Realität beispielsweise, und dann stürzte die Wirklichkeit über ihn. Die Schwiegermutter schrie es ihm ins Gesicht, dass ihre Tochter, seine Ehefrau, ihrem neun Monate alten Mädchen mit einem Küchenmesser den Nacken durchschnitten und die Aorta zerfetzt habe. Und es fiele eine Starrheit, die nicht einmal Tränen zuliesse, über einen, also über diesen Mann, der in «Sorrow and Joy» Johannes heisst; und gewissermassen in einer einzigen Welle überrollten einen, wenn man Johannes wäre, die Erinnerungen an die Vorahnung, die man hatte, an die Zeichen, die man hätte lesen müssen, aber nicht gelesen hat oder falsch, und ans Lithium, das man der depressiven Frau ausgeredet hat, weil sie ein Kind wollte und es ihr so gut zu gehen schien in der Vorfreude auf die Mutterschaft. Und nun läge das Kind im Leichenschauhaus und die Mutter in der Psychiatrie.

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