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Richtungskampf in der Filmbranche: Kommt jetzt die Streaming-Offensive?

«Mare» von Andrea Staka gibts ab heute als Stream. Die Schweizer Branche wird wegen des Virus gerade durchgeschüttelt.

Auch die Pathé-Multiplexkinos sind seit Montag geschlossen. Foto: Keystone
Auch die Pathé-Multiplexkinos sind seit Montag geschlossen. Foto: Keystone

Für Andrea Staka hätte es nicht blöder laufen können. Letzten Donnerstag startete ihr Beziehungsdrama «Mare» nach positiven Berlinale-Kritiken in der Schweiz, die Vorpremieren waren gut besucht. Drei Tage später machten alle Kinos zu. «Extrem suboptimal», sagt die Regisseurin.

In schwierigen Situationen kann es plötzlich schnell gehen. «Mare» ist ab heute auf den Streamingplattformen myfilm.ch und cinefile.ch erhältlich, wo man sich den Spielfilm zum Preis eines Kinobilletts anschauen kann. Ein Solidaritätsbeitrag für den Schweizer Film. Der Verleiher Frenetic will darüber hinaus versuchen, «Mare» später noch einmal ins Kino zu bringen.

Andrea Staka ist hin- und hergerissen. Das Kinoerlebnis lasse sich nicht ersetzen, sagt sie. Aber das Publikumsinteresse sei jetzt da, und wenn die Leute «Mare» auf dem Fernseher oder dem Tablet streamen könnten, sei das auch gut. «Ich möchte ja, dass der Film sein Publikum findet.»

Neu im Home Cinema: «Mare» von Andrea Staka. Foto: PD
Neu im Home Cinema: «Mare» von Andrea Staka. Foto: PD

Während Hollywoodstudios wie Universal angefangen haben, neue Dinge auszuprobieren und ihre Filme zeitgleich mit dem Kinostart digital anzubieten, ist die Situation für Verleiher in der Schweiz nicht so einfach. Verleiher wie Filmcoopi oder Frenetic kaufen Rechte dafür, dass sie Filme in der Schweiz auswerten dürfen. Das heisst: Zuerst kommen sie ins Kino.

Im Gesetz ist zwar nicht vorgeschrieben, dass man eine gewisse Zeit warten muss, bis man einen Kinofilm auf Streamingplattformen anbietet. Aber Filmverleiher verpflichten sich vertraglich dazu, dass sie sich an die Release-Termine in den Nachbarländern halten. Ein anderes Problem ist die Piraterie. Was online verfügbar ist, wird früher oder später raubkopiert.

Visions du Réel wird zum Online-Festival Das Dokumentarfilmfestival Visions du Réel verschiebt die nächste Ausgabe (24.4. – 2.5.) ins Netz. Geplant ist, dass schon vor den offiziellen Festivaldaten Filme aus den Wettbewerbsreihen sowie aus anderen Sektionen auf der Website Festivalscope und auf anderen Online-Plattformen zugänglich sein werden. Auch sollen die Jurys die Siegerfilme via Streaming und Konferenz bestimmen. Noch unklar sind die rechtlichen Fragen, da Visions du Réel in der Regel Weltpremieren zeigt und die Rechteinhaber ihre Zustimmung geben müssen.

In der Krise ist in der Schweizer Filmbranche der Richtungskampf ausgebrochen. Müssen Verleiher, die seit Jahrzehnten an ihrem Geschäftsmodell und den engen Beziehungen zu den Kinos festhalten, nicht endlich die Streaming-Offensive starten, anstatt die Säle mit ihren Filmen zu verstopfen? Wäre die kinofreie Zeit nicht der Moment, um mit Video-on-Demand zu experimentieren? «Wir forcieren die Streaming-Veröffentlichungen von bereits gestarteten Filmen», sagt Felix Hächler von Filmcoopi. Die rechtliche Hürde sei aber die Abhängigkeit von den Nachbarländern.

Auch Kinos wollen streamen

Die Anfragen für Streaming-Veröffentlichungen kommen mittlerweile auch von den Kinos selbst. Das Riffraff oder die Arthouse-Kinos in Zürich haben eigene Streamingangebote lanciert, ein zeitgemässes Nebenangebot als Ergänzung zum Programm, das bestenfalls einen Werbeeffekt fürs Kino hat. Nun werden die digitalen Angebote forciert. «Wir sind dabei, das Angebot auszubauen», schreiben die Arthouse-Kinos.

Auch die Filmverleiher sortieren sich neu. Hächler geht von gravierenden Einbussen aus angesichts der Kinoschliessungen, die möglicherweise noch verlängert werden. «Die Haupteinnahmequelle eines Filmverleihs ist sein Anteil an den Kinoeinnahmen. Diese Quelle ist nun ganz versiegt», heisst es bei Frenetic. Dies in einem Markt, der sowieso schon hart umkämpft ist. Frenetic wie Filmcoopi haben inzwischen Kurzarbeit angemeldet.

Kollabiert das System im Kinoherbst?

Möglich ist, dass sich in den Nachbarländern bald einiges tut, schliesslich machen die Kinos europaweit zu. Die Startliste für dieses Jahr wird ohnehin neu zusammengestellt. «Es kann sein, dass Filmstarts über Monate aufgeschoben werden, gewisse Titel könnten auch gar nicht mehr für den Kinovertrieb zur Verfügung stehen», heisst es beim Frenetic-Verleih.

Fürchten kann man sich schon mal vor dem Kinoherbst, angenommen, die Säle sind bis dann wieder geöffnet. Kommt es angesichts des massiven Rückstaus zur Überhitzung, kollabiert das System? Der nächste James-Bond-Film «No Time to Die» wurde ja ebenfalls auf November verschoben. «Es wird schwierig, aber nicht unlösbar», sagt Felix Hächler. Unter Verleihern würden bereits Diskussionen zwecks Absprache laufen, sagt Nicole Biermaier von First Hands Films, der gerade drei Starts auf einmal verschieben musste.

Offen ist auch, was mit der Bundesförderung geschieht, schliesslich werden Verleiher zum Teil unterstützt, wenn sie Filme ins Kino bringen. Beantworten muss das jetzt das Bundesamt für Kultur. Wird Startförderung auch dann bezahlt, wenn die Mindestanzahl Vorführungen gar nie erreicht werden konnte? Werden Streaming-Auswertungen beim Errechnen von Gutschriften mitgezählt?

Das Herz von Andrea Staka hängt am Kino. Sie sieht auch die grossen Studios kritisch, die nun die Gelegenheit ergreifen würden, ihre Titel gleich auf Pay-TV-Sendern und Streamingdiensten anzubieten. «Wenn Hollywood online etwas startet, dann mit grossem Marketingbudget», sagt sie.

In der Schweiz dagegen sind für Streaming-Starts kaum Mittel vorgesehen, Geld verdienen kann man damit sowieso nicht. Aber vielleicht muss man in nächster Zeit einfach versuchen, die Leute dort zu erreichen, wo sie sind, nämlich zu Hause.

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