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«Saudische Frauen können sehr aufbrausend sein»

Regisseurin Haifaa al-Mansour erklärt, wie sie in einem Land ohne filmische Infrastruktur Filme dreht wie «The Perfect Candidate».

Gegen alle Widerstände: Regisseurin Haifaa al-Mansour. Foto: WireImage
Gegen alle Widerstände: Regisseurin Haifaa al-Mansour. Foto: WireImage

Es war die Filmsensation von 2013: «Wadjda», der allererste Spielfilm aus Saudiarabien, erzählt von einem Mädchen, das sich ein Fahrrad wünscht und diesen Traum gegen alle Widerstände verfolgt. Zu jener Zeit war es Frauen in der islamischen Golfmonarchie untersagt, ein Auto zu steuern oder ohne Genehmigung das Land zu verlassen. Umso bestechender war deshalb die Idee der saudischen Debütfilmerin Haifaa al-Mansour, ihr Werk über eine 10-jährige Protagonistin und deren Mobilitätsbedürfnis zu erzählen. «Wadjda» traf den Sehnsuchtsnerv einer ganzen Generation.

Sieben Jahre später ist die in Los Angeles wohnhafte Regisseurin wieder nach Saudiarabien zurückgekehrt, um ihren zweiten Spielfilm zu drehen. Im Mittelpunkt von «The Perfect Candidate» steht die Ärztin Maryam (Mila al-Zahrani), die nicht akzeptieren will, dass vor ihrer Klinik Notfallpatienten wegen eines Rohrbruchs im Schlamm stecken bleiben. Halb aus Trotz, halb aus Zufall tritt Maryam schliesslich als Kandidatin für den Gemeinderat an, was in ihrer Kleinstadt für Widerstand sorgt – nicht zuletzt in ihrer eigenen Familie. «The Perfect Candidate» gefällt als Gleichnis über eine Rebellin wider Willen, wobei man dem mit leichter Hand erzählten Film die Schwierigkeiten bei der Herstellung kaum ansieht.

Rebellin wider Willen: Die Ärztin Maryam (Mila al-Zahrani) präsentiert sich als Kandidatin für den Gemeinderat. Foto: Neue Visionen Filmverleih
Rebellin wider Willen: Die Ärztin Maryam (Mila al-Zahrani) präsentiert sich als Kandidatin für den Gemeinderat. Foto: Neue Visionen Filmverleih

Frau Mansour, wie hat sich die allgemeine Lage in Saudiarabien seit Ihrem Filmdebüt «Wadjda» verändert?

Es gab eine spürbare Entspannung. Seit 2018 sind Kinos und Konzerte erlaubt, Frauen dürfen jetzt selber Auto fahren; das erleichtert nur schon die Alltagsplanung enorm.

Frauen müssen sich jedoch immer noch verhüllen?

Ja, aber es ist kein Vergleich zu früher. Wenn ich als Teenager auf den Markt ging und dabei nur ein bisschen meiner Jeans unter der Abaya hervorschaute, wurde ich sofort von der Religionspolizei angegangen. Heute werden Frauen nicht mehr gezwungen, ihre Gesichter zu verschleiern – obwohl viele das immer noch tun.

Warum?

Ganz einfach: Weil sie so «programmiert» wurden.

Wäre eine Filmpremiere mit Frauen in Galakleidern in Saudiarabien überhaupt denkbar?

Das Paradoxe ist ja: Es gibt diesbezüglich keine festgeschriebenen Regeln, es gibt nur Tradition und Interpretation. Bezüglich Premieren wäre ich skeptisch. Aber es hat sich zum Beispiel gezeigt, dass Sängerinnen bei Bühnenauftritten ein dezentes Kleid tragen dürfen und ihre Haare nicht bedecken müssen.

«Saudiarabien ist immer noch ein zutiefst konservatives Land.»

Regisseurin Haifaa al-Mansour

Wie hat sich Ihre Arbeit als Regisseurin im Vergleich zu «Wadjda» verändert?

Für Frauen war es damals ein No-go, mit Männern auf der Strasse gesehen zu werden. So war ich beim Dreh gezwungen, meine Anweisungen per Funk aus einem Bus zu geben. Das hat sich bei «The Perfect Candidate» spürbar verbessert, aber Saudiarabien ist immer noch ein zutiefst konservatives Land. Beim aktuellen Film gab es immer wieder Leute, die sich einmischten und die Dreharbeiten zu behindern versuchten. Dann mussten wir jeweils die Polizei rufen und unsere Drehbewilligungen vorweisen.

Wie ist es überhaupt möglich, in einem Land ohne jede filmische Infrastruktur einen Film zu drehen?

Dank unserer deutschen Koproduktionsfirma. Die stellte auch die wichtigsten Crewmitglieder. Die Assistenten rekrutierten wir dann vor Ort.

Wie reagierten diese Assistenten, wenn sie Anweisungen von einer Frau bekamen?

Nun, sie mussten sich dran gewöhnen. Saudische Frauen können sehr aufbrausend sein, das kann ich Ihnen sagen. (lacht) Es gab dann ein ziemliches Geschrei.

In «The Perfect Candidate» weigert sich die Ärztin Maryam, Benachteiligungen in ihrem Beruf hinzunehmen. Warum schicken Sie sie in die Politik?

Weil es dort bis heute zu wenige Frauen gibt. Wir haben zwar in den USA seit 2019 eine saudische Botschafterin. Diese wurde allerdings von einem Gremium ernannt. Aber ich frage mich: Wäre sie auch Botschafterin geworden, wenn es eine Volkswahl gegeben hätte?

«Es war absolut nicht mein Ziel, in diesem Film Männer gegen Frauen auszuspielen.»

Regisseurin Haifaa al-Mansour

Im Film ist die Gemeinderatswahl für die Hauptfigur zentral, Maryams Chancen stehen jedoch schlecht …

Ja, aber wichtig ist, dass sie als Frau den Respekt der Öffentlichkeit einfordert. Das ist kein saudisches, sondern ein universelles Problem: Frauen müssen sich auf dem Weg nach oben viel stärker beweisen. Das kann manchmal frustrierend sein. Aber wenn man freundlich genug ist, geht es in der Regel schon.

Wo bleibt das Männerbashing in Ihrem Film? Es war absolut nicht mein Ziel, Männer gegen Frauen auszuspielen. Ich wollte vielmehr dieses absurde gesellschaftliche System beleuchten, unter dem beide Geschlechter auf ihre Art zu leiden haben.

Sie leben und arbeiten hauptsächlich in den USA. War «The Perfect Candidate» eine Rückkehr in die Heimat?

Nein, meine Heimat ist Los Angeles, mein Mann und meine Kinder sind Amerikaner.

Haben Sie Ihre Kinder nach Saudiarabien mitgenommen?

Ja, sie waren allerdings ziemlich nervös und stellten viele Fragen. Sie kennen ja nur die westliche Tradition. Aber sie mochten das saudische Essen, die Sprache und die Tänze sehr.

Der Film läuft ab 12.3. im Kino

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