Sie will sich nicht mehr aufdrängen

Bea Cuttat zieht sich mit ihrem Filmverleih Look Now! aus dem Tagesgeschäft zurück. Es ist nicht weniger als das Ende einer Ära.

Das Büro von Bea Cuttat ist nicht geschmückt mit Filmplakaten, sondern mit Werken von Schweizer Künstlern. Foto: Reto Oeschger

Das Büro von Bea Cuttat ist nicht geschmückt mit Filmplakaten, sondern mit Werken von Schweizer Künstlern. Foto: Reto Oeschger

Matthias Lerf@MatthiasLerf

Ein Montagabend im April. Bea Cuttat ist nach Bern gefahren, um eine Veranstaltung mit Christian Petzold zu besuchen, einem jener Regisseure, deren Werk sie dem Schweizer Publikum zugänglich gemacht hatte. Petzold hat von seinem nächsten Projekt erzählt, es heisst «Undine» und ist die moderne Interpretation eines Wassernixen-Mythos. Seine Begeisterung für den Film, den er bald zu drehen beginnt, wirkt ansteckend, und zum Abschied stellt er die Frage aller Fragen: «Den wirst du in der Schweiz doch noch betreuen, oder?» Bea Cuttat lacht. Aber die Antwort ist klar: «Nein.»

Jahrelang ein treuer Gefährte in Schweizer Kinos: Der Look-Now-Jingle. Video: Look Now.

Bea Cuttat hört auf. «Nuestro Tiempo» von Carlos Reygadas ist der letzte neue Film, für den sie mit ihrer Firma Look Now! die Rechte auf dem Weltmarkt gekauft hat, um ihn in der Schweiz ins Kino zu bringen. Noch einmal kämpfen, schmeicheln, Überzeugungsarbeit leisten für ein schwieriges Werk, das in der Flut der Neuerscheinungen unterzugehen droht. Noch einmal alles geben, wie sie das über 30 Jahre lang getan hat. 265 Filme lancierte sie in dieser Zeit, falls die Bastelei mit Bildern aus ihrem Programm stimmt, die ihr Freunde ins Büro gestellt haben (sie selber hat nicht so genau gezählt). Die Spannweite reichte vom Schweizer Experimentalfilm über die ersten Trickfilme mit Wallace & Gromit bis zum Lawinenfilm «Turist» des späteren Cannes-Gewinners Ruben Östlund. Jetzt ist Schluss. Ihren Verleih Look Now! wird es zwar noch geben. Aber er wird sich nur noch um die Rechte der alten Filme kümmern.

Konsequent – und auch stur

Selbstverständlich hat Bea Cuttat mit 67 Jahren allen Grund, kürzerzutreten. Und klar ist es keine Kurzschlusshandlung, bei aller Leidenschaft, die sie für den Beruf immer noch aufbringt («Passion» heisst übrigens der zweitletzte Film ihres Verleihprogramms). Nein, der Abschied ist, wie alles in ihrer Tätigkeit, wohlvorbereitet. Und trotzdem schwingt eine Spur von Resignation mit, wenn sie jetzt in ihrem Büro im Zürcher Kreis 5 sitzt und sagt: «Seit fünf Jahren denke ich darüber nach.» Wieso denn? «In letzter Zeit hatte ich immer mehr das Gefühl, ich müsste mich aufdrängen. Und zwar überall: in den Kinos, bei den Journalisten, letztlich beim Publikum.»

Für das Aufdrängen, im besten Sinn des Wortes, ist sie bekannt. «Sie steht mit Leib und Seele hinter ihren Filmen», sagt Beat Käslin von den Zürcher Arthouse-Kinos. Und auch Frank Braun, der mit ihren Filmen das Riffraff sowie andere Kinos in Luzern und Zürich programmiert, lobt ihre Leidenschaft und Kompromisslosigkeit: «Sie war risikobereit, konsequent und in gewissem Sinne auch stur.» Eine Eigenschaft, die es in diesem Beruf braucht, besonders wenn man den Verleih als Ein-Frau-Unternehmen führt. Bea Cuttat machte nie Ferien, dafür war keine Zeit. Und sie liess sich auch von schweren Unfällen nicht stoppen. Einmal fiel sie vom Velo, als sie zum Bahnhof fuhr, um Roy Andersson – der Schwede ist einer ihrer Lieblingsregisseure – abzuholen. Ein zweites Mal stürzte sie in Cannes. Aber die Verletzungen konnten sie nicht stoppen. Sie liess sich ein Spitalbett ins Büro liefern, wohnte vorübergehend dort – und viele, die anriefen, ahnten nicht, in welcher körperlichen Verfassung sich die Frau, die da am Telefon sprach, befand.

Look Now hat von Peter Liechti zehn Filme im Verleih, der letzte war «Vaters Garten», das ehrliche Porträt von Liechtis Eltern. Video: Look Now.

Aber jetzt hat das grosse Aufräumen begonnen. Viel hat sich angesammelt in all den Jahren: Verträge, Kritiken, Flyer, Filmplakate. Von Letzteren hängt übrigens kein einziges an der Bürowand. «Als ich begonnen habe, damals in einem Raum des alten Kinos Razzia, habe ich die Plakate der ersten 15 Filme, die ich betreute, aufgehängt. Dann hatte es keinen Platz mehr, und ich wollte bei Besuchen meiner Regisseure nicht begründen, wieso dieses Motiv an der Wand hängt und jenes nicht.» Deshalb schmücken nicht Filmfiguren ihr weitläufiges Büro. Sondern Bilder von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern, für die es aber auch weniger Platz geben wird, wenn sie Ende Jahr auf dem gleichen Stock in einen kleineren Raum umzieht.

Ins Metier hineingerutscht

Begonnen hatte alles 1988 mit «Reisen ins Landesinnere». Bea Cuttat aus Schaffhausen war damals schon eine erfahrene Kinofrau, hatte beim Schweizer Filmzentrum und dem ersten unabhängigen Verleiher Filmcoopi gearbeitet. Aber für diesen 16-mm-Film des Dokumentaristen Matthias von Gunten gab es keine Verleihstruktur. «Das mache ich», sagte sie. Und rutschte rein, ein nächster Film folgte, ein übernächster.

Es gab grosse Erfolge wie das schwedische Teeniedrama «Fucking Amal», an das niemand richtig geglaubt hatte. Es gab Enttäuschungen wie den Fussballfilm «Aufbauer der Nation», von dem sich alle ein Geschäft erhofften. Aber solches ist total unberechenbar, auch mit der Erfahrung von Bea Cuttat.

Trotz Schneidetisch im Büro: Zelluloid spielt keine Rolle mehr, der Vertrieb der Filme läuft heute digital.

Look Now! – der Name ist eine Reminiszenz an den Thriller «Don’t Look Now» – blieb bei allen Höhen und Tiefen eine Erfolgsgeschichte. Dabei hatte es mit einem Filmriss begonnen: Am Samstag, an dem ihr erster Film endlich lief, traf Bea Cuttat den Operateur auf der Strasse statt im Kino an. «Der Film ist gerissen, wir können nicht spielen», sagte er schulterzuckend. Noch heute steht ein Schneidetisch in ihrem Büro, mit dem die Kopien auf Schäden kontrolliert werden können. Nur: Zelluloid spielt keine Rolle mehr, der Filmvertrieb läuft heute digital.

Bevor der Schwede Ruben Östlund mit «The Square» die Goldene Palme in Cannes gewann, zeigte Look Now in der Schweiz seinen bösen Spielfilm «Turist« über einen ängstlichen Vater im Skiurlaub. Video: Look Now.

Das ist ein Grund für die steigende Zahl von Kopien und die Schnelllebigkeit des Geschäfts. Ein Film muss heute am ersten Tag einschlagen, sonst ist er weg. Auch die «Outdoorisierung» – wie Bea Cuttat es nennt – trage ihren Teil zum Malaise bei: Man stehe bei schönem Wetter lieber mit einem Bier vor dem Riffraff als in den Saal zu gehen. Netflix und das schwindende DVD-Geschäft kommen noch hinzu. «Wer als kleiner Verleih keinen Mäzen im Hintergrund hat, ist praktisch chancenlos», konstatiert Cuttat. Man könnte zwar versuchen, das Geschäftsmodell anzupassen, etwa Verleih und Produktion zu kombinieren. Aber sie hat dazu keine Lust mehr: «Mir behagt das traditionelle Kino am besten: Alle sitzen da, es wird dunkel, der Film startet.»

Was bringt die Zukunft? Die alten Look-Now!-Filme werden weiter erhältlich sein. «Undine» von Christian Petzold wird anderweitig einen Weg in die Schweiz finden. Was aber tut die Verleiherin, wenn sie das erste Mal in ihrem Geschäftsleben ein paar Tage frei hat? Auch da hat sie vorgesorgt: «Ich habe mir vom Heimatschutz Prospekte kommen lassen.» Sie will Orte in der Schweiz besuchen, die sie vorher nicht kannte. Bea Cuttat nennt das «Zwangsprogramm». Und lacht dazu, als habe sie eben eine neue Filmperle entdeckt.

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