So normal kann jüdisches Leben sein

Ein Dokumentarfilm porträtiert den Alltag von Juden und Jüdinnen in Europa. Unspektakulär – und darum eindrücklich.

Alice Brauner und Yves Kugelmann im Gespräch mit Juden in Strassburg.

Alice Brauner und Yves Kugelmann im Gespräch mit Juden in Strassburg.

(Bild: AVE Publishing)

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Der Dokumentarfilm «Jüdisch in Europa» schlägt einen weiten geografischen Bogen: von Marseille über Strassburg nach Berlin, dem Wohnort der Filmproduzentin Alice Brauner. Und dann weiter nach Warschau, Budapest und Venedig. Der Basler Publizist Yves Kugelmann, Chefredaktor des jüdischen Wochenmagazins «Tacheles», unterhält sich in Marseille unter anderem mit dem Gründer eines jüdischen Radios und einem Rabbiner. Beide erzählen von der weitgehend entspannten Situation der jüdischen Gemeinde in der Stadt, in der die 48 Synagogen kaum oder gar nicht überwacht werden müssen. Im Unterschied zu Paris, so der Geistliche, getrauten sich seine Kinder in Marseille mit der Kippa auf die Strasse.

Dieser Grundton zieht sich durch die ganze Dokumentation: normaler Alltag für die Juden, überall und leicht erhältlich koscheres Essen, kaum oder gar kein Antisemitismus. Während es Kugelmann ein Anliegen ist, dieses unbeschwerte Leben zu zeigen, ist Alice Brauner erstaunt: Die Tochter des kürzlich verstorbenen Filmproduzenten Artur Brauner erkennt in Frankreich ein freieres Judentum als in Deutschland – und dies, obwohl in den letzten Jahren zahlreiche Israeli nach Berlin gezogen sind, um dort Start-ups zu gründen oder in der Gastronomie zu arbeiten. Auch jüdische Schriftstellerinnen und Musiker zieht es vermehrt an die Spree.

Goldenes Zeitalter im Osten

In Warschau, wo die Nationalsozialisten die jüdische Gemeinde fast eliminierten, gehen Brauner und Kugelmann über den jüdischen Friedhof, wo zahlreiche Widerstandskämpfer des Warschauer Ghettos bestattet sind. Vor dem Zweiten Weltkrieg, so eine Museumsdirektorin, habe das Judentum in Polen ein goldenes Zeitalter erlebt. Davon sei man heute weit entfernt. Auch in Budapest, wo die Filmemacher eines der letzten Interviews mit der vor wenigen Wochen verstorbenen Philosophin Agnes Heller machen konnten, ist der Wiederaufbau des jüdischen Lebens noch im Gange – alles andere als gefördert von Viktor Orban, den Heller als «reinen Machtmenschen» bezeichnet. Sie selbst habe stets zwei Identitäten gehabt: Jüdin und Ungarin.

Der unspektakuläre und daher so aufschlussreiche Dokumentarfilm (Regie: Christoph Weinert) endet in Venedig, wo das älteste jüdische Ghetto Europas besteht, aber nur wenige Juden leben – auch hier weitgehend ohne antisemitische Zwischenfälle. Alice Brauner, die am Anfang der Europareise skeptisch war, sieht an deren Ende ein «Auf- und Erblühen des Judentums».

Ausstrahlung am 3. September auf Arte in zwei Teilen (1. Teil: 22.45 Uhr; 2. Teil: 23.35 Uhr)

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