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Sonys Duckmäuser

Michael Moore macht sich lustig, Stephen King meints ernst: Dass Hollywood sich erpressen lässt, kommt schlecht an – dabei gings früher auch schon anders.

Ist stolz auf seine Angestellten: Sony-Chef Kazuo Hirai. (5. Januar 2015)
Ist stolz auf seine Angestellten: Sony-Chef Kazuo Hirai. (5. Januar 2015)
AFP
Die USA beschuldigen Nordkorea offiziell des Hackerangriffs auf Sony: Barack Obama bei einer Pressekonferenz in Washington.
Die USA beschuldigen Nordkorea offiziell des Hackerangriffs auf Sony: Barack Obama bei einer Pressekonferenz in Washington.
Keystone
Terrordrohungen bei der Premiere und Ärger mit Nordkorea: Die Hauptdarsteller von «The Interview», James Franco (links) und Seth Rogen. (11. Dezember 2014)
Terrordrohungen bei der Premiere und Ärger mit Nordkorea: Die Hauptdarsteller von «The Interview», James Franco (links) und Seth Rogen. (11. Dezember 2014)
Kevork Djansezian, Reuters
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Hollywood ist verärgert, zumindest ein Teil davon. Schauspieler, Regisseure und Drehbuchautoren empfinden es als unzulässige Einschränkung der Meinungsfreiheit, dass Sony Pictures den Film «The Interview» nach einer Terrordrohung zurückzieht. Regisseur Judd Apatow fragt: «Werden wir uns nun jedes Mal einschränken, wenn jemand etwas im Internet schreibt? Das wäre eine düstere Zukunft.» Schauspieler Rob Lowe zieht gar einen Vergleich zur Nazizeit: «Hollywood hat Neville Chamberlain heute seine Ehre erwiesen», schreibt er mit Verweis auf den britischen Premierminister, der die Abtretung von Territorien der Tschechoslowakei an Deutschland abgesegnet hatte. «Wow. Alle ducken sich. Die Hacker haben gewonnen, einen totalen Sieg errungen.»

Viele weitere Hollywood-Exponenten finden es unerträglich, dass sich die Hackergruppe namens Guardians of Peace mit ihrer Forderung durchgesetzt hat. Filmemacher Michael Moore twitterte sarkastisch: «Liebe Sony-Hacker, nun da ihr über Hollywood gebietet, hätte ich gerne weniger romantische Komödien, weniger Michael-Bay-Filme und keine Transformers mehr.»

Der umstrittene Filmemacher schrieb weiter, er hätte zahlreiche Drohungen erhalten vor der Veröffentlichung seiner Dokumentation «Fahrenheit 9/11» über die Geschäftsverbindungen der Familie von Präsident Bush mit den Bin Ladens und die US-Politik nach den Anschlägen vom 11. September 2001. «Das hat niemanden von uns von der Veröffentlichung abgeschreckt», twitterte Moore.

Kein Nachgeben gegen frühere Drohungen

Andere Exponenten der Filmindustrie erinnerten laut der Nachrichtenagentur AFP an die Drohungen gegen den Jesus-Streifen «The Last Temptation of Christ» von 1988. Der Film sei trotzdem in die Kinos gekommen.

Exponenten Hollywoods scheuen sich zumeist vor direkter Kritik an Sony Pictures. Eine Ausnahme ist Erfolgsautor Stephen King. Sonys Entscheidung sei in vielerlei Hinsicht beunruhigend. «Zum Glück geben sie nicht die ‹Satanischen Verse› heraus», schrieb King auf Twitter in Anspielung auf einen Roman von Salman Rushdie, der teilweise vom Leben des Propheten Mohammed handelt und der Proteste und Gewalttaten von Muslimen auslöste. Auf mehrere Übersetzer wurden Anschläge verübt. Nachdem der iranische Revolutionsführer Ayatollah Chomeini in einer Fatwa ein Kopfgeld auf die Tötung Rushdies ausgesetzt hatte, musste dieser abtauchen. Der Iran brach sogar seine diplomatischen Beziehungen zu Grossbritannien ab, wo der Autor lebt. Das Buch erschien jedoch und wurde nie vom Markt genommen.

«Das hier ist sehr viel grösser als wir»

Der Rückzug von «The Interview» wird entsprechend als gravierender Präzedenzfall angesehen. In der Action-Komödie töten zwei tollpatschige Fernsehreporter den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un. Das Regime, das keinerlei Kritik an der Führung zulässt, hatte den Streifen schon im Sommer als kriegerischen Akt eingestuft und mit «erbarmungsloser» Vergeltung gedroht. Deshalb wurde Pyongyang schon verdächtigt, hinter dem Datendiebstahl bei Sony zu stecken. Nordkorea bestreitet, darin involviert zu sein, lobt die Tat aber. Gestern verlautete aus US-Sicherheitskreisen, man vermute das Regime hinter der Drohung gegen Kinos, die den Film zeigen. Die US-Regierung denkt über eine «angemessene» Reaktion nach, wie gestern aus dem Weissen Haus verlautete. Präsident Barack Obama sagte zu «ABC News», es gebe keine glaubwürdigen Beweise für eine Bedrohung von Kinos. «Zurzeit rate ich: Geht in die Kinos!»

Der Sony-Konzern hatte es zunächst den Kinobetreibern überlassen, ob sie den Film zeigen wollen oder nicht. Nach dem Rückzug der grössten US-Filmkette, hatte Sony jedoch die für den Weihnachtstag vorgesehene Premiere von «The Interview» annulliert. «Das hier ist sehr viel grösser als wir», hiess es aus Unternehmenskreisen. Es handle sich um einen «Terrorakt» und der werde nicht auf die leichte Schulter genommen. Branchenvertreter gehen jedoch davon aus, dass der Film früher oder später im Internet auftauchen wird. Der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho hat Sony 100'000 Dollar für die Rechte angeboten und gesagt, er würde ihn kostenlos auf seinem Blog publizieren.

Filmstudios und Einkaufszentren machten Druck

All das würde den wirtschaftlichen Schaden für Sony aber nur leicht abmildern. Rechtsexperten warnten jedoch laut dem «Guardian» vor den enormen Schadensforderungen, mit denen zu rechnen wäre, wenn doch ein Anschlag auf ein Kino verübt würde, sei es von den Guardians of Peace oder Trittbrettfahrern.

Sony stand offenbar auch unter Druck von anderen Filmstudios, die um ihr eigenes Weihnachtsgeschäft fürchteten. In den USA verfügen die meisten Kinos über mehrere Säle. So wurde befürchtet, die Vorführung von «The Interview» könnte generell Kinogänger abschrecken und auch andere Filme in Mitleidenschaft ziehen. Laut dem «Guardian» lobbyierten im Hintergrund zudem Einkaufszentren für den Rückzug von «The Interview», denn viele Kinos befinden sich in grossen Shoppingmalls.

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