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Superschwache Superhelden

Amerikas Superhelden sollen Stärke zeigen, aber fühlen sich schwach. Kann das unterhaltend sein?

Superhelden sind weder tiefschürfende noch komplexe Kunstfiguren, aber sie sind präzise Seismografen für nationale Befindlichkeiten. Insbesondere die amerikanische Superheldenproduktion ist seit jeher eng an Bedrohungslagen gekoppelt. Die früher auf Papier, heute vor allem fürs Kino aufbereiteten Comic-Überhelden weisen in Krisenzeiten optimistisch den Weg, indem sie als rettende Kämpfer stets zielsicher über das Böse siegen.

Seit 9/11 läuft Hollywoods Superheldenfabrik erneut heiss: Superman, Spider-Man, Hulk, die X-Men und Batman werden auf immer neue Umlaufbahnen geschickt. Doch jetzt gibt es eine beunruhigende Tendenz zu vermelden: Die unfehlbaren Übermänner, einst markante Garanten von Stärke und Unverletzbarkeit, zeigen zunehmend Schwächen und winden sich sichtlich ratlos. Christopher Nolans neuer Batman-Film «The Dark Knight» bricht an den Kinokassen zwar gleich reihenweise Rekorde, aber der Titelheld lässt sich in der öffentlichen Wahrnehmung fast zum Statisten degradieren: Zu reden gibt nicht Batman selbst, sondern sein grässlicher Gegenspieler Joker, die letzte Rolle des verstorbenen Heath Ledger.

Ganz unverblümt zeigt sich die neue Schwäche der Superhelden in der Veralberung «The Superhero Movie», wo ein talentfreier, grün gewandeter Superantiheld namens Dragonfly von einem Missgeschick ins nächste stolpert. Aber man muss gar nicht diese offensichtliche Parodie herbeizitieren. Auch unironische Superheldenfilme brechen ihren Helden immer öfter mutwillig das Rückgrat.

Will Smiths «Hancock» übernachtet im gleichnamigen Film von Peter Berg als schmuddeliger Penner auf der Parkbank. Er säuft sogar Whisky, während er schnell aber äusserst unberechenbar durch die Lüfte pfeilt und dabei mehr Flurschaden anrichtet als nützt. Die «bad guys» interessieren ihn kaum noch, die Leute schimpfen ihn «Arschloch».

Hancocks Heldwerdung wird dann etwas überraschend von Platos Idee der Kugelmenschen hergeleitet: Einst glücklich vereint und gottähnlich, wurden die Menschen von den Göttern entzweigehauen, und nun sind sie auf der traurigen Suche nach ihrer verloren gegangenen zweiten Hälfte. Der Superheld, seit jeher eine Urfigur amerikanischer Popkultur, erstanden aus der altgriechischen Philosophie? Allerdings sind solche Anleihen bei europäischen Philosophen nicht ganz neu. Schon einer der ersten Superhelden überhaupt, Superman, ist eine wörtliche Übersetzung von Nietzsches Übermensch.

Hauptsache, es kracht

Ganz auf amerikanischem Mist gewachsen ist dagegen der grüne Muskelmann Hulk, der jetzt zu einem Kino-Comeback gelangt. Nach dem Kassentaucher von Ang Lees klugem «Hulk» (2003) wollten die Marvel-Studios möglichst bald einen Hulk über die Leinwände ziehen sehen, der es wieder so richtig krachen lässt. Über mangelnden Krach kann man sich in Louis Leterriers Neuauflage «The Incredible Hulk» tatsächlich nicht beklagen. Statt den kritischen Weg einzuschlagen und etwa amerikanischen Grossmachtsfantasien nachzuspüren, die sich im anschwellenden Hulk mustergültig symbolisieren, benutzt Leterrier zum Auftakt ein brasilianisches Armutsquartier als malerische Unterlage für eine endlose Verfolgungsjagd.

Es reiht sich dann ein heftiger Zusammenstoss an den nächsten, und der Verdacht wächst, dass nicht nur Hulk (Edward Norton), sondern auch der Film selbst inmitten aller aufgefahrenen Geschütze nicht mehr recht weiter weiss. Zudem will Hulk nicht mehr Held sein und sich die Mutation in einem komplizierten Experiment aus den Adern saugen lassen. Dies geht schief – einen zum Normalo entkräfteten Superhelden wollte man dem Publikum wohl nicht zumuten.

Am Ende herrscht Stille

Doch wie die endlosen Kämpfe beenden? Leterriers Film zeigt mit einer alten Episode aus der amerikanischen Kulturgeschichte den Ausweg: Hulk zieht sich zur Selbstfindung in ein einsames Holzhaus zurück. Und wer darin den berühmten Rückzug des amerikanischen Philosophendichters Henry David Thoreau in seine selbst gebaute Waldhütte am Seelein Walden sehen will, liegt sicher nicht falsch.

Der Superheld, dieser Gradmesser nationaler Gefühlslagen, erscheint so plötzlich als tiefsinniger fortschrittskritischer Philosoph des 19. Jahrhunderts. Weist die Popkultur für einmal den Weg in eine neue stille Nachdenklichkeit statt zu lautem Kampfgebrüll? Fast ist man auf die Fortsetzung dieses Abenteuers gespannt.

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