Von der Blindheit in die Beziehungskrise

Der Schweizer Filmregisseur Marc Forster liefert mit «All I See Is You» ein visuell komplexes, aber inhaltlich wenig durchdachtes Werk ab.

Es beginnt mit einer eigenwilligen Sexszene: Während ein Ehepaar miteinander schläft, werden uns die inneren Fantasien der Frau mit anderen Partnern gezeigt. Der Ehemann weiss dar­über Bescheid, aber er hat anscheinend kein Problem damit.

Die Erklärung wird nachgeliefert: Gina ist seit ihrer Jugend blind und weiss gar nicht, wie ihr Ehemann James aussieht. Eine Hornhauttransplantation soll es ihr nun aber ermöglichen, auf einem Auge wieder zu sehen. Der fürsorgliche James unterstützt Gina bei der Wiedererlangung des Augenlichts. Oder tut er nur so und verfolgt insgeheim andere, hinterlistige Pläne?

Wie in einem Schauerroman

Die Ausgangslage von «All I See Is You» könnte aus einem klassischen Schauerroman aus dem 19. Jahrhundert stammen: Eine Frau ist ihrem Mann ausgeliefert und zweifelt zunehmend an dessen guten Absichten. Dieser Plot, kombiniert mit eindrücklich vernebelten Einstellungen aus der Perspektive der sehbehinderten Hauptfigur, würde eigentlich einen wirkungsvollen Thriller versprechen.

Aber das Endergebnis funktioniert nicht, und dies aus einer ganzen Reihe von Gründen. Da ist einmal die Unklarheit darüber, ob der Film ein Krimi oder eine Beziehungsstudie sein soll: Gelingen will weder das eine noch das andere. Für ein psychologisches Drama sind die Figuren zu hölzern und die Atmosphäre zu bedrohlich. Für einen guten Thriller fehlen die Wendepunkte und eine Intrige, die diesen Namen auch wirklich verdient.

Problematisch ist zudem die Besetzung: Blake Lively, sonst eine charismatische Schauspielerin, muss hier allzu oft nur unfokussiert in die Welt starren. Der Hauptdarsteller Jason Clarke hat ein anderes Problem: Weil die Motive seiner Figur bis zum Schluss undurchsichtig bleiben, kann er kein glaubwürdiges Charakterbild zeichnen und setzt auf ein inhaltsleeres Pokerface.

Irritierend unoriginell

Interessant wäre allenfalls der erotische Subtext gewesen: Was bedeutet es für ein Paar, das sich körperlich in- und auswendig kennt, wenn die bisher hilfsbedürftige Hälfte ruckartig selbstständiger wird? Die Antwort, die dem Autor und Regisseur Marc Forster einfällt, ist dermassen einfallslos, dass er sie zumindest in eine überraschende Auflösung hätte verpacken müssen: Stattdessen präsentiert er ein irritierend unoriginelles Ende, das seinen Figuren einen Bärendienst erweist.

«All I See Is You»:Der Film läuft ab Donnerstag im Kino.

Berner Zeitung

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