Wie man Witze über Nordkorea macht

Der südkoreanische Schauspieler Song Kang-ho spielt in «Parasite» und besuchte als Stargast das Filmfestival Locarno.

Wird in Südkorea immer berühmter: Schauspieler Song Kang-ho mit seinem Excellence Award in Locarno. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Wird in Südkorea immer berühmter: Schauspieler Song Kang-ho mit seinem Excellence Award in Locarno. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Pascal Blum@pascabl

Wenn Song Kang-ho durch Locarno geht, sieht man einen Mann in kurzen Hosen und einem frisch gekauften Sommerhemd. Geht er durch Seoul, erkennen die Menschen den Superstar des südkoreanischen Kinos. «In Seoul verlasse ich das Haus nur, wenn es gar nicht mehr anders geht», sagte Song am Filmfestival Locarno, wo er mit dem Excellence Award ausgezeichnet wurde. Einfach so essen gehen mit seiner Familie könne er in Seoul nicht. Er nimmt sie deshalb an Festivals mit, um wenigstens auf diesem Weg ein paar Tage mit ihr zu verbringen.

Song-Fans kamen auch nach Locarno, eine Besucherin war extra früh aufgestanden, um ins Tessin zu fahren und ein Gespräch zwischen dem 52-jährigen Darsteller und Regisseur Bong Joon-ho zu verfolgen. Die beiden haben erstmals bei «Memories of Murder» (2003) zusammengearbeitet. Sehr gross war der Erfolg mit «The Host» (2006), wo Song einen begriffsstutzigen Snackbar-Besitzer spielte, der mit seiner Familie den Kampf gegen ein Amphibienmonster aufnahm, das nach der chemischen Verschmutzung des Han-Flusses durch Seoul polterte. Die Familie ist auch zentral in «Parasite», ein Genremix über die Klassenverhältnisse in Korea, der derzeit im Kino läuft.

«Jeder Verweis auf Nordkorea erfordert ein hohes technisches Niveau, damit daraus nicht eine politische Angelegenheit wird.»Song Kang-ho, südkoreanischer Schauspieler

Ein so rotes Gesicht wie im Film hat Song Kang-ho in Realität nicht. Regisseur Bong Joon-ho liess ihm in der Maske eine ungesunde Haut verpassen, um darzustellen, welche Auswirkungen das Leben im Tiefparterre hat. Dort wohnt Songs Filmfamilie, weil sie sich keine bessere Bleibe leisten kann. Aber dann bekommt der Sohn eine Stelle als Privatlehrer in der Villa einer reichen Familie und beschafft nach und nach seiner Schwester, seinem Vater und seiner Mutter einen Dienstpersonaljob im Haus.

«Sehr koreanische» Geschichten

Song Kang-ho ist der Spezialist, wenn es darum geht, die Würde und den Trotz von jenen darzustellen, auf denen ständig rumgetrampelt wird. Komisch ist er auch. In einer Szene verulken die Eltern angetrunken die Roboterrhetorik von nordkoreanischen Fernsehmoderatoren. «Jeder Verweis auf Nordkorea erfordert ein hohes technisches Niveau, damit daraus nicht eine politische Angelegenheit wird», sagt Song. «Im Film ist das sehr schlau kalkuliert. Allgemein sind leichtgewichtige Witze über Nordkorea in Südkorea stark verbreitet.» Bis jetzt ist jedenfalls keine diplomatische Krise eingetreten wie 2014 nach der US-Komödie «The Interview», in der Kim Jong-un ermordet wird, weshalb Nordkorea beim UNO-Generalsekretär protestierte.

Song Kang-ho spielte zuerst Theater, heute konzentriert er sich aufs Kino, das in Korea seit etwa 20 Jahren eine Blüte erlebt. Erst Anfang der Nullerjahre wurden Zensurregeln gelockert, die aus der Zeit der Militärdiktatur stammten. «Vorher war es unmöglich, einen Film mit einem sozialpolitischen Thema überhaupt zu drehen.» Die ältere Generation schaue heute mit «enormem Neid» auf die Jungen.

Zur Korea-Woche in Locarno liess das Korean Film Council eine Broschüre drucken. Song Kang-ho hat aber keinen Drang, das koreanische Filmwunder zu exportieren. Lieber spiele er in vielen weiteren «sehr koreanischen» Geschichten mit. Das Problem ist natürlich, dass er damit zu Hause nur noch berühmter wird.

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