Zum Hauptinhalt springen

Wo Steiner seinen Alpenhorrorfilm drehte

Reise ans Ende der Schweiz: Im Bergell nahm Regisseur Michael Steiner die Dorfszenen für seinen neuen Film «Sennentuntschi» auf.

Felsgrau wie die Gassen in Soglio soll der Film über die Schweizer Schauer-Sage werden.
Felsgrau wie die Gassen in Soglio soll der Film über die Schweizer Schauer-Sage werden.
ARNO BALZARINI, Keystone

«Ist es eigentlich immer so lang dunkel am Morgen?» Der Zürcher Drehbuchautor Michael Sauter sitzt im ersten Intercity in Richtung Bündnerland, und bis zum Walensee zieht schwarze Nacht am Fenster vorbei. Noch vier Stunden bis Soglio.

Dort, im Bergeller Herbst, dreht Regisseur Michael Steiner die Dorfszenen für sein «Sennentuntschi». Nach dem Kinderbuchklassiker «Mein Name ist Eugen» und dem Ende der Swissair in «Grounding» will Steiner damit zurück zu den mythischen Wurzeln des Landes. Und die Fahrt zum Set der grausigen Alpensage ist eine Reise ans Ende der Schweiz. Warum in Teufels Namen Soglio? «In der Schweiz», sagt Sauter im Zug, «findest du sonst kein Bergdorf mehr, das nicht aussieht wie gelaubsägelt. Sogar unsere Wälder sind überall so aufgeräumt.» Dann stöpselt er sich Kopfhörer ein. Die Albulastrecke bringt er mit AC/DC hinter sich.

In Maloja, an der Klippe zum Bergell, empfängt uns eine Nebelschlange wie nach Drehbuch. Als wir im Auto ins Tal stechen, steht der umnebelte Lärchenwald stramm wie ein Heer vergilbter Skelette. Ungeheuer schönes Wetter für das «Sennentuntschi», wie es Michael Steiner vor Augen hat. Auf die Frage nach dem Look des Films sagt der Regisseur nur: «Grau und gelb.» Es sind die Farben der Landschaft hier draussen, die Farben für einen schaurigen Schweizer Bergwestern. Die Sage, das ist «Pygmalion» als Horrorstory auf der Alp, überliefert in zahllosen regionalen Varianten.

Die Alpknechte, denen es auf der herrlichen Alp zu wohl wurde, kamen eines Tages auf die Idee, sie sollten auch ein Weibervolk haben. Darum küferten sie aus Lumpen einen grossen Toggel zusammen und legten ihm Weiberkleider an. Wenn sie assen, setzten sie ihn hinter den Tisch und warfen ihm von Zeit zu Zeit einen Schläck Nidel oder Milchreis zu.

Der Dorfladen in Soglio preist auf Kreidetafeln seine eigenen Alpspeisen an: Kastanienhonig und Kastanienbier, dazu Wollwurzcrème gegen unreine Haut. Ein paar Schritte weiter nur steht Daniel Rohr in grober Bauernkluft in einer Gasse, neben ihm richtet Hanspeter Müller-Drossaart seine Krawatte für die Kamera. Dann hetzt Nicholas Ofczarek als Dorfpolizist um die Ecke und berichtet den beiden, dass bei den Sennen auf der Alp oben alles bester Ordnung sei. Doch den Mannen im Dorf schwant Böses.

Auf dem Set, das sich in den Gässchen erstreckt, hört man ein Durcheinander aus Schweizerdeutsch, Französisch, Österreichisch und Englisch mit allen möglichen Akzenten. «Sennentuntschi» ist eine alpenländische Koproduktion mit einem Budget von 5,5 Millionen Franken. Das ist zwar billiger als «Mein Name ist Eugen», aber immer noch viel Geld für ein Schauerstück, aus dem, so Steiner, garantiert «kein Familienfilm» wird. Sein Wunschprojekt stand lange Zeit auf der Kippe, weil sich kein deutscher Koproduzent finden liess. Steiner konnte sein «Sennentuntschi» erst stemmen, als sich Produktionshäuser aus Frankreich und Österreich daran beteiligten. Die Szenen auf der Alp hat er im Schächtental im Kanton Uri gedreht, die Aussenaufnahmen in Tirol. Jetzt liefern die felsgrauen Gassen in Soglio die Dorfkulisse.

Auf dem Set gibts nun doch zwei Farbtupfer, aber die haben im Film nichts zu suchen. Der erste ist eine ältere Anwohnerin im türkisfarbenen Wolljäckchen, die in ihrem Garten mal eben kurz zum Rechten sieht. Für Fragen hat sie keine Zeit, sie müsse gleich zurück in die Küche. Dann kommt Regieassistent Steven Hayes mit einem bunten Fundstück daher: «Was macht das hier im Bild?» fragt er, ein rotes Robidog-Säckchen in den Fingern. Weg damit, und die Gasse ist wieder grau.

Mit der Zeit kam es so weit, dass Tunscheli wirklich zu essen anfing, und wenn sie ihm nicht gaben, so verlangte es mit Ungestüm . . . Sie trieben mit dem Tunscheli allerlei Gugelfuhr und nahmen es abwechslungsweise zu sich in das Bett.

Die Gugelfuhr mit der rustikalen Sexpuppe sorgte schon einmal für Empörung im Land. Das war 1981, als Hansjörg Schneiders Dialektstück «Sennentuntschi» am Schweizer Fernsehen gezeigt wurde. Eine Klage wegen Blasphemie war die Folge. Auf eine Neuauflage jenes Skandals hat es Michael Steiner mit seinem Film nicht abgesehen. Aber: «Sexualität und Gotteslästerung sind nun mal der Kern der Sage.» Von einem Horrorfilm mag er nicht reden. Lieber spricht er von einem «Märchen für Erwachsene», das er unserer vergesslichen Gegenwart in Erinnerung rufen wolle. Und von einem teuflischen Reigen, bei dem sich die Protagonisten einzig an ihre eigene Verdammnis klammern können.

Verflucht! Der französische Tonmeister schimpft auf das malerische Kaff. Da sucht man die Abgeschiedenheit in der hintersten Ecke der Schweiz, und nun hört er auf der Tonspur dauernd einen Pressluftbohrer, der von fern irgendwo hämmert. Steiner störts nicht: Sollte man das Geräusch hören im Film, dann sei das eben der Dorfzahnarzt beim Bohren, witzelt er. In einer Drehpause zeigt er uns eine bereits abgedrehte Szene auf dem Monitor. In der Gaststube legt ein verängstigtes Dorffräulein dem Sennentuntschi einen Apfel hin. Das Tuntschi beisst in den Apfel, die Frau ritzt mit einem Messer ein grosses Kreuz in einen Brotlaib. Wo beginnt die Sünde, wo hört die Unschuld auf? Und wo schlägt Frömmigkeit in Aberglauben um? Das Tuntschi fällt die Frau an wie ein rasendes Biest.

Im Schulzimmer von Soglio bekommen wir ein Rendezvous mit der Puppe aus Fleisch und Blut. «Morning, Roxy!», grüsst der Regisseur, als sein leibhaftiges Sennentuntschi in der Tür steht. Roxy, das ist Roxane Mesquida, ein zartes Geschöpf mit fast durchsichtiger, schneeweisser Haut. In der Titelrolle wird die 27-jährige Französin im ganzen Film kein Wort sagen. Schwierig? Die Schauspielerin winkt müde ab. Sie spreche lieber gar nicht, als schlecht geschriebene Dialoge aufzusagen, erklärt sie. Und man fragt sich: Wie soll aus diesem Persönchen ein böser Dämon werden?

Am Tage der Abfahrt von der Alp sagte [das Tunscheli] zu den Knechten: «Der es am ärgsten mit mir getrieben, muss hier bleiben; ihr andern könnt gehen, sollt aber nicht zurückschauen, bis ihr das Egg erreicht habt.» Auf dem Egg schauten sie wirklich zurück, und da mussten sie sehen, wie das Gespenst die bluttriefende Haut des Knechts über das Hüttendach ausspreitete.

Neben dem Friedhof von Soglio steht Michael Sauter und zählt die Toten im Drehbuch. Sieben Menschen im Film werden sterben, rechnet er vor. Vor der Kamera gestorben wird ab jetzt im Unterland. Für die letzten drei der insgesamt elf Drehwochen wechselt der Tross am Montag in ein Studio nach Uster. Am 19. November soll dort die letzte Klappe fallen. Danach folgen lange Monate im Schnitt und in der Postproduktion. Und wenn alles gut geht, droht uns in einem Jahr ein böser Herbst. Dann soll das «Sennentuntschi» auf der Leinwand sein Unwesen treiben.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch