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Worauf bist du wirklich wütend?

Juliette Binoche hüpft in ihrem neuen Film «Un beau soleil intérieur» von Liebhaber zu Liebhaber. Dabei gerät sie an Mistkerle und Charme­bolzen, räumt in der Gerüchteküche auf und rastet total aus.

In der Toilette eines Restaurants klagt Isabelle (Juliette Binoche) einer Freundin ihr Leid: «Mein Liebesleben ist vorbei!» Dabei hat Isabelle keinen Grund zu dieser Annahme. Sie ist eine attraktive Frau und erfolgreiche Künstlerin, die gerade ein neues Projekt mit der Galeristin Maxime (Josiane Balasko) aufzieht. Wäre da nur nicht die Einsamkeit. Deshalb ist Isabelle auf Liebesjagd, winkt einen halbbatzigen Lover nach dem anderen durch.

Wenn Pläne nicht aufgehen

Oscarpreisträgerin Juliette Bi­noche («The English Patient») zeichnet mit Isabelle nicht nur einfühlsam das Bild einer reiferen Frau auf der Suche nach Zärtlichkeit und Sexualität. Mit «Un beau soleil intérieur» thematisiert Regisseurin Claire Denis ein tiefgründigeres Thema. Heute muss Verliebtheit längst nicht mehr in einer Hochzeit gipfeln, sondern kann auch als Affäre oder offene Beziehung Form annehmen. Oft zeigt sich erst später, woran man bei einem Menschen ist – so geht es auch Isabelle.

Sie war mal verheiratet, von Ex-Mann François (Laurent Grévill) verlangt sie den Schlüssel zu ih­rer Wohnung zurück – Isabelle wünscht sich Unabhängigkeit. Zugleich stört sie sich am Gerücht über eine angebliche Affäre zwischen François und Künstlerkollegin Maxime.

Binoche beherrscht die schauspielerische Emotionspalette von ausgelassen über süffig sich selbst bemitleidend bis hin zum Totalausraster perfekt. Man fühlt mit Isabelle, wenn ihre Pläne nicht aufgehen: Liebhaber Nummer zwei (Nicolas Duvauchelle) etwa will sie nicht mehr sehen. Als er zustimmt, reagiert sie verdutzt, ist beleidigt. Das ist schauspielerische First Class. So auch das Selbstgespräch in ihrer Wohnung. «Ist das mein Leben?», fragt sie sich nach einem ernüchternden Gespräch mit «Mistkerl» Vincent (Xavier Beauvois) und reisst sich wütend die Strümpfe von den Beinen.

Die Kamera macht mit

Ist Isabelle im einen Moment vor Glück überwältigt, schlägt sie im nächsten Moment auf dem Boden der Realität auf. Etwa als ihr Vincent klarmacht, dass er seine Frau niemals verlassen wird. Oder als ihr ein Freund sagt, Sylvain – der nicht in Künstlerkreisen verkehrt – passe nicht zu ihr.

«Un beau soleil intérieur» ist eine Geschichte über Nähe und Distanz, und die Kamera macht mit: mal mit Nahaufnahmen der Gesichter, mal weit weg vom Geschehen. Manchmal rebelliert Isabelle, wenn die möchtegern­intellektuellen Gespräche ihrer Kollegen sie auf die Palme bringen. Dann tickt sie aus, und das beeindruckt. Während die Kamera die Gruppe aus der Ferne filmt, kommt Isabelle fluchend näher, und als Zuschauer fragt man sich auf einmal: Worauf bist du wirklich wütend?

«Un beau soleil intérieur» ist ein Gefühlsfilm auf der ganzen Linie, ohne sich in Gefühlsduselei zu verirren. Besonders die französische Note verleiht dem Ganzen die richtige Prise Humor. In einer Konfrontationsaktion nimmt sich Isabelle Maxime vor – sie will ihre Geschäftspartnerin auf die Affäre mit ihrem Ex-Mann ansprechen. Beim Versuch, diese Frage hervorzubröseln, vergeht eine gefühlte Ewigkeit. Jede vorgeschobene Entschuldigung – «C’est gênant» und «Je suis désolée» – lässt die Spannung steigen.

Zum Ende krönt ein Gespräch mit einem Hellseher (Gérard Depardieu) Isabelles Liebesreise. Ob er ihr helfen kann, bleibt offen. Wie der Ausgang jeder Be­ziehung.

«Un beau soleil intérieur»: ab 21. 12. im Kino.

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