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Zerstörung als Befreiung

Der heutige Kurzfilm zeigt einen ungewöhnlichen Amoklauf. Sterben müssen ein paar Fische, eine Fliege, weitere Opfer sind unbekannt.

Der Protagonist des Kurzfilms «Amok» veranstaltet keine Bluttat, wie es Amokläufer üblicherweise tun. Seiner Handlung folgt keine Schreckensnachricht, wie sie uns gewöhnlich von den Medien erreicht. Hier wird ein Schockzustand gezeigt, dessen Ursprung anderer Natur ist.

Auslöser ist die laute Welt, das Geplapper der Grossstadt. Der Lärm wird unerträglich. Das Pochen im Kopf des Protagonisten wird immer stärker. Er läuft Amok, wirft alle seine Habseligkeiten vom Balkon, unter anderem auch sein Aquarium. Fische fallen fliegend vom Himmel. Es scheint, als sei er auch der materiellen Welt überdrüssig geworden, seine Handlung wirkt wie ein Befreiungsschlag. Nach diesem Kraftakt steht die Frage im Raum, ob das Sich-Losreissen vom Materiellen tatsächlich die ersehnte innere Ruhe bringt.

Möglich, zumindest sind nun Herz und Pulsschlag zu hören. Doch die vermeintliche (innere) Ruhe wird von einer Fliege gestört. Sie bezahlt bitter dafür. Die Fliege wird von der Faust des Protagonisten zerquetscht und stirbt qualvoll. Diese Qualen werden auf den Täter zurückgeworfen; er gibt sogleich einen Schmerzensschrei von sich, dessen Widerhall in der ganzen Stadt zu hören ist.

Der Animationsfilm zeigt auf raffinierte Art und Weise, wie Aussen- und Innenleben ineinandergreifen, die Grenzen verschwimmen. Das Innenleben des Protagonisten wird nach aussen gestülpt und findet sein Ventil in der Zerstörung der Habseligkeiten. Zugleich wird durch die Zuwendung zum Inneren eine äusserliche Fassade vernichtet.

Was übrig bleibt, ist die Musik, sowohl im leeren Wohnraum als auch im (leeren) Innenleben. Der Protagonist legt am Ende eine neue Platte auf. Musik erklingt, es scheint, als eröffne sich ihm eine bisher noch unentdeckte Welt.

Claudius Gentinetta, geboren 1968 in Luzern, gehört zu den Pionieren des Schweizer Animationsfilms. Gentinetta lebt als Illustrator, Comiczeichner und Trickfilmer in Zürich und hat seit 1987 zahlreiche Kurzfilme produziert. Sein neuester Animationsfilm «Islander’s Rest» feierte am «Fantoche» Baden Premiere und ist weltweit an zahlreichen Festivals zu sehen.

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