Zum Neptun mit Brad Pitt

Im Science-Fiction-Film «Ad Astra» spielt Brad Pitt einen gefühlskalten Astronauten. Am Filmfestival Venedig erklärte er, wieso.

Brad Pitt als Astronaut Roy McBride im Film «Ad Astra». Foto: Imago Images/Zuma Press

Brad Pitt als Astronaut Roy McBride im Film «Ad Astra». Foto: Imago Images/Zuma Press

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Eine Reise kann aufregend sein, bilderreich, erfrischend. Sie kann aber auch zum beschwerlichen Trip ausarten wie in «Ad Astra», dem jüngsten Film in einer ziemlich konstanten Abfolge von Science-Fiction-Werken, die unlängst zu sehen waren. Und dabei ist der letztjährige Venedig-Eröffnungsfilm «First Man» über Neil Armstrong & Co. nicht mal mitgezählt. Brad Pitt gibt nun im Film von James Gray den gefühlskalten Astronauten Roy McBride, der zum Neptun reisen soll, wo sein Vater (Tommy Lee Jones) ein Ausserirdischen-Suchprojekt am Laufen hält, welches das gesamte Sonnensystem gefährdet.

Brad Pitt, der nach einem Abstecher nach Cannes (mit Quentin Tarantinos «Once Upon a Time… in Hollywood») jetzt auch das Filmfestival Venedig beehrt, klagt beim Interviewtermin als Erstes über Jetlag. Ein bisschen jedenfalls. Und sagt dann: «Bevor ich 23 war, bin ich nie mit einem Flugzeug geflogen.» Es ist sozusagen die Startrampe, um ein paar filmspezifische Bonmots loszuwerden: «Ich sehe meinen Vater in allem, was ich tue. Er war arm und wollte uns ein besseres Leben ermöglichen, aber ich merke, dass ich ihn heute noch oft imitiere oder gegen ihn rebelliere.» Was wiederum zu Pitts Interesse an zeitgenössischen Abbildern von Männlichkeit führt: «Amerika pflegt noch immer das Ideal jenes Marlboro-Mannes, der hoffnungsvoll aufbricht und immer gewinnt.» So durchtrainiert, wie er als 55-Jähriger aussieht, würde er das zweifellos immer noch verkörpern können.

Die Einsamkeit nimmt zu, der Tränenfluss ebenfalls

Aber was hat das mit dem Weltraumabenteuer «Ad Astra» zu tun? Nun, es gibt da zum Beispiel jene Verfolgungsszene auf dem Mond, die der Kameramann Hoyte van Hoytema – ansonsten für epische Bilder bei Christopher Nolan («Dunkirk», «Interstellar») zuständig – wie eine Pferdeverfolgungsjagd aussehen lässt. Einfach mit «Mad Max»-Vehikeln statt Pferden. Und Roy, der Rastlose, reist weiter und weiter, erst zum Mars, dann zum Neptun. Die Einsamkeit nimmt zu, der Tränenfluss hinter dem Astronautenhelm ebenfalls. Warum?

Regisseur James Gray, ebenfalls Jetlag-geschüttelt, sagt: «Filme sind ja immer auch Metaphern. Und wenn man Einsamkeit ausdrücken will, kommt einem das Weltall sehr gelegen.» Gray hat bislang vor allem New Yorker Milieugeschichten gedreht, sein Debüt «Little Odessa» wurde vor 15 Jahren in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet. Zuletzt brachte er den Abenteuerfilm «The Lost City of Z» ins Kino. Jetzt meint Gray: «Wenn ich mich nicht durch mein Werk zeige, was hätten Filme dann für einen Wert?»

Entsprechend oft fällt im Interview das Wort Krise. Und Gray ist erstaunlich offen, was seiner Ansicht nach deren Ursprung betrifft: «1991 verschwand mit der Sowjetunion ein Gegengewicht zum heutigen Kapitalismus. Die Suche nach Aliens, wie sie Roys Vater in meinem Film betreibt, ist letztlich ein Symbol der Verzweiflung, weil es keine Alternative mehr gibt. Das wollte ich auf künstlerische Art ausdrücken.»

«Als amerikanischer Filmemacher muss man akzeptieren, Teil eines ethisch bankrotten Systems zu sein.»Regisseur James Gray

Solche Worte hört man aus den USA selten. Was Gray ausdrücken will, kann man in diesem Film allerdings gut erkennen: Die Bildsprache und die offensive Soundkulisse arbeiten auf permanente Überwältigung hin. Die Handlung bleibt dagegen oft nebulös, die Figuren wirken unterkühlt, die Perspektive erscheint wacklig. Und manchmal ist es, als ob man gleichzeitig in einem Mainstream- und einem Independentfilm sitzt. Kann das funktionieren?

Was James Gray betrifft: Nach zahlreichen Flops würde ihm ein Erfolg natürlich guttun. Viel dringender brauchte jedoch 20th Century Fox einen Erfolg. Das Hollywoodstudio, das jüngst von Disney geschluckt wurde, hatte in diesem Jahr ausser Misserfolgen («X-Men: Dark Phoenix») und mehreren Entlassungswellen wenig zu melden. James Gray weiss das und formuliert es so: «Als amerikanischer Filmemacher muss man akzeptieren, Teil eines ethisch bankrotten Systems zu sein. Alles, was ich tun kann, ist auf meine Art zu zeigen, was in der Welt gerade falsch läuft.» Das kann dann, wie im Fall von «Ad Astra», aufregend und beschwerlich zugleich sein.

Trailer zum Film «Ad Astra». Quelle: 20th Century Fox

«Ad Astra»: Ab 19.9. im Kino

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