Zwei Brüder fliehen vor den Nazis

Einfühlsam und eindringlich: «Un sac de billes» schildert die Flucht zweier jüdischer Brüder im Zweiten Weltkrieg.

Der offizielle Trailer zu «Un sac de billes». Video: Youtube/Gaumont

Für ein paar Murmeln tauschen der zehnjährige Joseph (Dorian Le Clech) und sein drei Jahre älterer Bruder Maurice (Batyste Fleurial) 1941 in Paris die «Medaille» ein, die ihnen die deutschen Besatzer an die Brust hefteten. Was aus dem Jungen wird, der den gelben Judenstern auf diese Weise erwirbt, erfährt man in «Un sac de billes» nicht. Christian Duguays Verfilmung der gleichnamigen Lebenserinnerungen Joseph Joffos orientiert sich eng an der subjektiven Perspektive ihrer kindlichen Helden.

«Bist du Jude?»

Anfangs machen sich die beiden Lausbuben noch einen Spass daraus, SS-Männer in den Friseursalon ihres Vaters zu lotsen, indem sie sich vor das Schild am Schaufenster stellen, das den Laden als jüdisches Geschäft brandmarkt. Bald aber wird ihnen der Ernst ihrer Lage schmerzlich bewusst. Weil eine Flucht als Familie zu auffällig wäre, schicken die Eltern die beiden Brüder allein auf den Weg nach Südfrankreich, das noch nicht von den Deutschen besetzt ist.

Zum Abschied fragt der Vater seinen Sohn: «Bist du Jude?» Und als der mit Nein antwortet, verpasst er ihm eine krachende Ohrfeige: «Bist du Jude?» Noch ein paarmal muss der Junge in dieser einprägsamen Szene seine Herkunft verleugnen, ehe der Vater ihn schliesslich tröstend in den Arm nimmt. Joseph glaubt, seine Lektion gelernt zu haben. Auf die heimtückischen Verhöre der Nazis ist er am Ende dennoch nicht vorbereitet.

Das Grauen im Verborgenen

Doch trotz der Gewalt und der vielfältigen Gefahren, denen die beiden Kinder auf ihrer Wanderschaft ausgesetzt sind, spielt sich das Grauen des Holocausts weitgehend im Verborgenen ab. Menschen verschwinden, die Deportationszüge kehren leer zurück, aber für Joseph und Maurice geht es fast immer irgendwie gut aus. Sie begegnen dubiosen Gestalten, Schleppern, Kollaborateuren, die ihnen dennoch Unterschlupf gewähren. Viele riskieren für sie ihr Leben.

«Un sac de billes» ist ein Jugendfilm, der die historischen Ereignisse nicht nur durch den Erlebnishorizont seiner Charaktere filtert, sondern sie auch einem jugendlichen Publikum zugänglich macht. Die Flucht der beiden wunderbar authentisch gespielten Brüder inszeniert Regisseur Duguay oft wie eine Abenteuerreise in schwelgerisch schönen Landschaftspanoramen. Jenseits des Naziterrors werden die Zeitumstände nostalgisch weichgezeichnet.

Fast zu gut, um wahr zu sein

Als sein Bestseller 1975 das erste Mal verfilmt worden war, hatte sich Joseph Joffo über die trottelige Darstellung seines ­Vaters und einige andere biografische Unstimmigkeiten geärgert. Diesmal hat er dazu keinen Grund. Von Patrick Bruel und Elsa Zylberstein werden seine Eltern einfühlsam verkörpert: vorbildlich, liebevoll, klug – fast schon zu gut, um wahr zu sein.

«Un sac de billes»: Der Film läuft ab Donnerstag im Kino.

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