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Ein Chor, ein Orchester und 86 Heilige

Seit zehn Jahren ist Daniel Glaus (60) Münster­organist in Bern. Anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums des frisch renovierten Chorgewölbes hat er das Oratorium «Steinhimmel» komponiert. Heute wird es uraufgeführt.

Der Klang wird Raum wird Klang: Der musikalische Leiter Peter Siegwart während der Gesamtprobe mit Orchester, Chor und Vokalisten.
Der Klang wird Raum wird Klang: Der musikalische Leiter Peter Siegwart während der Gesamtprobe mit Orchester, Chor und Vokalisten.
Enrique Muñoz García
Münsterorganist Daniel Glaus?an seinem Arbeitsplatz.
Münsterorganist Daniel Glaus?an seinem Arbeitsplatz.
Enrique Muñoz García
Hieronymus mit Löwe:?Einer der Heiligen im Chorgewölbe.
Hieronymus mit Löwe:?Einer der Heiligen im Chorgewölbe.
Beat Mathys
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Die heilige Anna Selbdritt ist da. Sie hat blaue Augen und einen traurigen Blick. Ein bisschen weiter vorne weilt ihre Tochter, die Jungfrau Maria. Auf dem Kopf trägt sie eine Krone, in den Händen das Jesuskind. Auch der heilige Hieronymus hat in der Gruppe der Kirchenväter ein Plätzchen bekommen im Himmlischen Hof des Münsters. In seinen Händen: ein Löwe. Insgesamt 86 Heilige und Kirchenväter bevölkern das 500 Jahre alte Chorgewölbe, das zurzeit noch renoviert wird.

Seit 1517 sind die Figuren Teil des Berner Münsters, haben viel erlebt und viel gesehen. Unzählige Predigten gehört und Konzerten beigewohnt. Haben still Tausende von Touristen beobachtet, die rein- und wieder rausströmten. Manche andächtig, manche laut. Die Heiligenfiguren waren auch dabei, als vor 11 Jahren ­direkt unter ihnen der Berner Komponist und Organist Daniel Glaus auf der Schwalbennestorgel für die Stelle als Münsterorganist vorspielte.

Sie waren ihm gut gesinnt: Er bekam den Job. Intensiv hat sich der 60-Jährige seither mit dem Himmlischen Hof beschäftigt, dessen Figuren studiert, deren Schriften gelesen. Und nun widmet er ihm zum Jubiläum ein Oratorium: Es heisst «Steinhimmel» und wird heute Abend im Münster uraufgeführt.

Drängende Fragen

Zwischen zwei Proben erzählt Daniel Glaus von seinem Werk, vom Himmlischen Hof, der ihn bis heute fasziniert. Komponiert hat er «Steinhimmel» in London, wo er dank eines Stipendiums der Kulturstiftung Landis&Gyr ein halbes Jahr verbracht hat. Wo Anna Selbdritt, Petrus und Co. trotz der Distanz bei ihm waren: Über dem Schreibtisch im Londoner East End hatte Glaus ein Bild des Himmlischen Hofes aufgehängt.

Während des Komponierens begleiteten ihn immer wieder Fragen rund um die Heiligenfiguren: «Warum wurden zum Beispiel gerade diese Heiligen im Chorgewölbe verewigt und andere nicht?» Warum der Theologe Meister Eckhart nicht vorkomme, hat sich Glaus gefragt, warum Hildegard von Bingen nicht. Und warum stattdessen Bernhard von Clairvaux, ein militanter Kreuzzugprediger.

Aus diesen Fragen heraus spannte Glaus für das Libretto des Oratoriums den Bogen von der Reformation bis in die Gegenwart. Er nahm Ausschnitte aus Texten von Martin Luther, Huldrych Zwingli, aus dem Briefwechsel zwischen Freud und Einstein, aber auch Texte von Zeugen des Genozids an der muslimischen Minderheit in Burma sowie Verschriftlichtes von Andreas Urweider. ­Daraus schuf Glaus eine Art Netz aus verschiedenen Textschichten und stellte so den Heiligen des Chorgewölbes symbolisch neue «Heilige», Ketzer und Mystiker zur Seite.

Auf allen Ebenen nimmt das Oratorium «Steinhimmel» Bezug auf den Raum: «Wenn ich historische Räume wie das Münster betrete, höre ich sofort Stimmen und Klänge aus diesen alten Mauern», erzählt Glaus. Davon habe er sich inspirieren lassen. Vom Gesungenen werde man daher kein einziges Wort verstehen. Als wären die Worte des Librettos ebenfalls zu Sandstein vermahlen worden, zu einem musikalischen Meer.

Klingende Mäntel

Die Orchester- und Chormitglieder sind während der Aufführung im Raum verteilt, ihre Position werden sie immer wieder wechseln. Jedes Chormitglied wurde mit einem Klangmantel ausgestattet: schwarze Gewänder, die rascheln, beim Gehen am Boden schleifen und so den Raum noch einmal in die Musik integrieren.

Klingt verkopft? Musik von einem Gelehrten für ein paar Heilige? Ein kurzer Probenbesuch widerlegt das sofort: Diesem Werk kann und soll man sich intuitiv nähern. Da sind raunende Stimmen, wilde rhythmische Wechsel, erhabene Stille und Passagen so dramatisch und turbulent wie die stürmische See. Durch das Bespielen des ganzen Raums wird das Publikum Teil des sinnlichen Klangerlebnisses.

Und über alldem thronen die 86 Heiligen des Himmlischen Hofes. Stoisch beobachten sie das Geschehen und sind doch mittendrin. Im klingenden Sandsteinmeer von Daniel Glaus.

Uraufführung: heute, 20 Uhr, Münster, Bern. Mit den Ensemble Phönix, dem Vokalensemble Zürich und Cantemus Heiliggeist. Leitung: Peter Siegwart. Weitere Vorst.:1. 11. Münster, Bern; 5. 11. Grossmünster, Zürich; 23. 11. Cathédrale de Lausanne; 24.11. Predigerkirche Basel.Der Himmlische Hof digital:www.bernermuensterstiftung.ch.

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