Zum Hauptinhalt springen

Handyverkäufer stürmt Opernbühne

Das Märchen vom Tellerwäscher zum Millionär. Ein dicklicher Mann im Billiganzug tritt nervös bei einer Castingshow auf. Schmettert eine Arie hin und wird über Nacht zum Superstar. Heute tenort Paul Potts in der Schweiz.

Paul Potts in der Castingshow «Britan's Got Talent»(Youtube)

17. März 2007. Im britischen Fernsehsender ITV wird eine Folge der Castingshow «Britain’s Got Talent» ausgestrahlt. Drei blasierte Juroren – gegenüber denen Dieter Bohlen und Chris von Rohr wie verklemmte Sonntagsschullehrer wirken – sitzen zwischen dem Saalpublikum und der Bühne. Auf ebendieser steht ein Mann. Untersetzt, pausbäckig, leicht übergewichtig. Mit schiefen Zähnen und in einem schlecht sitzenden Anzug.

Die Juroren wollen wissen, was er denn vorzutragen gedenke. «Just sing opera», lispelt der nervöse, schwitzende Kandidat. Die arrogante Troika ist sichtlich amüsiert.

Und los gehts. Der Unscheinbare erhebt seine Stimme. Und wie! Bereits nach fünf Sekunden glotzen sich die Juroren ungläubig an. Sekunden später tobt das Publikum. «Nessun Dorma» aus Puccinis Oper «Turandot» lässt den Saal erbeben. Freudentaumel, Tränen, Standing Ovations schon bevor der letzte Ton erklingt. Die drei Wichtigtuer sitzen wie begossene Pudel hinter ihrem Pult, wirken beinahe erschlagen. «Das war absolut fantastisch!», entfährt es ihnen sichtlich um Fassung ringend.

Kometenhafter Aufstieg

Seit jenem denkwürdigen Fernsehabend hat sich das Leben des pummeligen Hobbysängers Paul Potts aus Bristol schlagartig verändert. Der heute 38-Jährige startete zu einer schier unglaublichen Karriere mit Konzerten rund um den Globus. Selbst Queen Elizabeth gab sich die Ehre bei einem Auftritt von Paul Potts. Seine CD «One Chance» mit Gassenhauern aus dem poppig-klassischen Bereich verkaufte sich innert kürzester Zeit über zwei Millionen Mal. TV-Auftritte und Pressetermine überschlugen sich und sorgten für einen anhaltenden Popularitätsschub. Schliesslich entdeckte ihn auch die deutsche Telekom: Seit Juli dieses Jahres dient Potts’ Castingshow-Auftritt als Werbespott für den Telekommunikationsriesen. Das Motto: «Das Leben schenkt einzigartige Momente. Schön, dass wir sie mit anderen teilen können.»

Schwammiger Lebenslauf

Paul Potts ist nach kürzester Zeit zu einer veritablen Geldmaschine im Showbiz aufgestiegen. Und nicht nur seine zuweilen kitschigen Interpretationen rühren Hunderttausende Fans zu Tränen. Auch seine immer wieder herumgebotene Lebensgeschichte sorgt für Herzschmerz pur. Denn vor seinem musikalischen Höhenflug war Potts ein einfacher Handyverkäufer, der mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Die Mär vom «singenden Underdog», der mit einem gewaltigen Talent ausgestattet ist und damit den Durchbruch geschafft hat, liess sich medial natürlich bestens ausschlachten.

Doch dies war und ist bloss die halbe Wahrheit. Denn Potts ist eigentlich Akademiker mit einem Universitätsabschluss in Philosophie. Und bloss Talent war es auch nicht, das ihn weiterbrachte. Der Brite arbeitete seit Jahren kontinuierlich an seiner Musikerkarriere und nahm unter anderem in Italien sündhaft teuren Gesangsunterricht. Selbst bei Pavarotti soll er vorgesungen haben. Die hohen Ausgaben führten schliesslich dazu, dass er sich zwischenzeitlich verschuldete und zusammen mit seiner Frau in eher ärmlichen Verhältnissen leben musste.

«Nichts Weltbewegendes»

Tempi passati. Allein mit seinem Castingshow-Preisgeld von umgerechnet rund 180000 Franken und dem Plattenvertrag über 1,8 Millionen war Potts von einem Tag auf den andern aus dem Schneider. Dazu kommen Tantiemen und Konzertgagen. Als Erstes liess er mit dem Geld seine Zähne richten. Dann kaufte er für seine Frau und sich selber je einen Laptop. Und zu guter Letzt ein neues Häuschen. Nun kommt dieser Paul Potts also zum ersten Mal in die Schweiz. Er, der oft mit André Rieu und Andrea Bocelli in einen Topf geworfen und von Klassikpuristen nicht wirklich ernst genommen wird, wird seine Fans wohl auch hier begeistern. Die «New York Times» bemerkte nach einem Konzert von ihm lapidar: «Keine besonders weltbewegende Leistung.» Seinen Anhängern dürfte dies egal sein.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch