Heirate! Oder stirb!

Mit «Lotario» von Händel zeigt Konzert Theater Bern die zweite Opernrarität der Saison. Regisseur Carlos Wagner bringt das Werk von 1729 stimmig und stimmungsvoll auf die Bühne. 

Adelaide (Marie Lys, Mitte) ist im eigenen Schloss gefangen von Matilde (Ursula Hesse von den Steinen, rechts) und Helfer Clodomiro (Todd Boyce).

Adelaide (Marie Lys, Mitte) ist im eigenen Schloss gefangen von Matilde (Ursula Hesse von den Steinen, rechts) und Helfer Clodomiro (Todd Boyce).

(Bild: Christian Kleiner)

Jetzt nur nicht einknicken: Adelaide hat alles verloren, ihren Mann und ihre Freiheit. Sie sitzt in ihrem eigenen Schloss gefangen und kommt nur frei, wenn sie den Sohn des Feindes heiratet: Idelberto. Seine Eltern haben Adelaides Mann vergiftet und Pavia umstellt. Schlägt Adelaide die unheilige Allianz aus, droht ihr der Tod. Eine ausweglose Situation, der Adelaide mit Standhaftigkeit begegnet: Eher will sie sich selbst vergiften, als den Feind zu ehelichen. Doch ihr wahrer Kontrahent ist nicht Idelberto und auch nicht dessen Vater Berengario oder Helfer Clodomiro, sondern Matilde, die Mutter von Idelberto. Sie ist stark, machthungrig, intrigant und bereit, ihren Sohn zu opfern, um den Thron zu erlangen.

Um diese beiden Frauen, Adelaide und Matilde, dreht sich die Oper «Lotario» von Georg Friedrich Händel. Die Männer sind hier eher Beigemüse. Entweder werden sie manipuliert (Berengario) oder von der Liebe zum Narren gemacht (Idelberto). Nur König Lotario, der aus Deutschland angereist ist, um Pavia zu retten und Adelaide zu heiraten, steht seinen Mann – und ist bezeichnenderweise eine Hosenrolle, gesungen von der Mezzosopranistin Sophie Rennert. Geschichtlicher Hintergrund der Handlung sind der Streit um die italienische Krone zwischen Otto I. und Berengar von Ivrea. Otto siegte und heiratete im Jahr 951 die italienische Königin Adelaide.

Er bröckelt, der Barock

Nach «Fierabras» von Schubert zeigt Konzert Theater Bern mit «Lotario» die zweite Opernrarität der Saison. Händels Werk verschwand nach der Uraufführung 1729 für sehr lange Zeit von der Bühne. Zu Unrecht, wie Berns «Lotario» beweist, eine Koproduktion mit den Internationalen Händel-Festspielen Göttingen, wo die Inszenierung von Carlos Wagner 2017 zu sehen war.

Am Ende wird der Raum demontiert: Die Bilder fallen herunter, übrig bleiben das Holzgerüst und die goldfarbenen Rahmen.

Wagner, geboren und aufgewachsen in Venezuela, lässt die Geschichte in einem barocken Saal spielen (Bühne: Rifail Ajdarpasic): Üppige Goldrahmen an Wänden und an der Decke, riesige Bilder von brennenden Städten und Palästen und ein schwerer roter Vorhang erzählen von Pomp, Kampf und Macht. Doch er bröckelt, der barocke italienische Glanz. Der Vorhang ist schmutzig, der Saal wirkt unaufgeräumt: Farbeimer, Stoffbahnen und Putzutensilien stehen herum. Auch in den Kostümen (Ariane Isabell Unfried) findet sich der barocke Shabby Chic wieder. Carlos Wagner schafft damit eine Distanz zum Erzählten und macht auf elegante Weise die innere Unaufgeräumtheit der Figuren sichtbar. Dazu passt auch, dass der Raum am Ende demontiert wird: Die Bilder fallen herunter, übrig bleiben das Holzgerüst und die goldfarbenen Rahmen.

Er tänzelt, der König

Wagner kann auf ein sing- und spielstarkes Ensemble zählen, das dieses Spiel zwischen Nähe und Distanz aufnimmt und perfekt beherrscht. Allen voran Sophie Rennert: Ihr Mezzosopran klingt wunderbar feurig und farbenreich, sie gibt den Lotario kühl und androgyn, als tänzelnder Strippenzieher. Marie Lys ist eine grossartige Adelaide, die auch gesanglich den Gegensatz zwischen äusserer Stärke und innerer Verletzlichkeit auslotet, mit strahlendem Sopran und berauschender Leichtigkeit.

Ursula Hesse von den Steinen ist ihr als Matilde eine ebenbürtige Kontrahentin: Mit dunkel schimmerndem Mezzosopran singt sie Mann und Sohn fast um den Verstand, legt das Verruchte, Boshafte und Schnippische gleichsam in Stimme und Mimik. Überhaupt zeigt sich das gesamte Ensemble auf hohem Niveau – auch Andries Cloete (Berengario), Todd Boyce (Clodomiro) und Countertenor Kangmin Justin Kim (Idelberto). Das Premierenpublikum honoriert die Leistung mit für Bern aussergewöhnlich häufigem und langem Zwischenapplaus.

Er wackelt, der Thron

Unter der Leitung von Christian Curnyn ist das Berner Symphonieorchester dem Gesangsensemble ein verlässlicher und umsichtiger Partner. Mehr noch: Es spielt Händels farbenreiche und innig strahlende Musik mit der nötigen Energie und Eleganz.

Carlos Wagner baut mit seiner stimmigen Inszenierung, der klugen Lichtführung (Guido Petzold) und der Konzentration auf nur einen Raum eine Spannung auf, die sich nach drei Stunden in einem begeisterten Schlussapplaus entlädt.

Und wie endet die Frauenfehde? Adelaide steigt mit Lotario auf den Thron, Matilde wird auf Bitten ihres Sohnes verschont und scheint sich mit den neuen Machtverhältnissen abzufinden. Oder schmiedet sie schon den nächsten teuflischen Plan? 


Weitere Vorstellungen: Bis 18. Juni, Stadttheater Bern. Tickets: www.konzerttheaterbern.ch

Berner Zeitung

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