Klassiker der Woche: Bruckner à la minute

Anton Bruckners Sinfonien sind lang, sehr lang. Aber er konnte auch kurz.

Die norwegische Schola Cantorum singt Bruckners «Ave Maria». (Youtube/2L)
Susanne Kübler@tagesanzeiger

Es kommt ja vor, dass eine Bruckner-Sinfonie so gut gespielt wird, dass man kein einziges Mal auf die Uhr schaut. Häufiger sind allerdings die Aufführungen, während derer man sich nach einem Ende sehnt, das nicht kommen will. Und fast nie denkt man nach dem letzten Ton: Schade, dass es schon vorbei ist.

Hier tut man es. Knapp vier Minuten respektive 51 Takte lang dauert Anton Bruckners «Ave Maria» – das ist fast gar nichts für einen, der sonst so enthusiastisch auf Langstrecken setzte. Aber es reicht, um einen ganz und gar in die Klangwelt dieses Gebets hineinzuziehen. Eine archaische Welt ist es, und gleichzeitig eine hoch romantische.

Entstanden ist diese Motette 1861, und Bruckner wäre nicht Bruckner, wenn er die Tradition hier nicht mit seiner üblichen Eigensinnigkeit bedient hätte. Für sieben Stimmen ist das Stück gesetzt, was nicht eben der Norm entsprach. Aber Bruckner brauchte die ungewöhnliche Besetzung, um sein eingedunkeltes Klangbild zu realisieren: Nur einer Sopranstimme stellte er je zwei Stimmen in Alt, Tenor und Bass gegenüber – und setzte sich damit überaus wirkungsvoll vom Trend zur dominierenden hohen Lage ab.

Die norwegische Schola Cantorum unter der Leitung von Tone Bianca Sparre Dahl wurde für diese Aufführung und die zugehörige CD einst zu Recht für einen Grammy nominiert. So kurz das Stück ist, so vieles steckt drin: Schönheit und Schatten, Überraschendes und Geheimnisvolles. Und so klar die einzelnen Stimmen gestaltet werden, man nimmt vor allem die Aura dieser Musik wahr.

Diese ist: typisch Bruckner. Aber untypisch konzentriert.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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