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Klingt gut, dieses Start-up

Neustart für die Alte Musik: Das Zürcher Barockorchester probt für das musikalisch-tänzerische Gesamtkunstwerk «Terpsicore».

Probe des Orchesters, das auf lokale Kräfte setzt. Fotos: Thomas Egli
Probe des Orchesters, das auf lokale Kräfte setzt. Fotos: Thomas Egli

«Sehr sonnig, sehr zufrieden, sehr selbstbewusst»: So soll die Chaconne von Johann Christian Schieferdecker klingen, dem muffigen Licht im Neumünster-Probesaal zum Trotz. Der Wunsch kommt von Mojca Gal, die als ­Barocktänzerin und Choreografin für das Bühnengeschehen von «Terpsicore» zuständig ist – aber als ausgebildete Geigerin auch zur Musik einiges zu sagen weiss. Aus der Geste heraus solle sie sich entwickeln, sagt sie, «denkt beim Spielen nach oben, das hilft auch den Tänzern».

Die Barockgeigerinnen Monika Baer und Renate Steinmann, die gemeinsam das Zürcher Barockorchester leiten, empfinden das keineswegs als Einmischung in ihr Hoheitsgebiet. Im Gegenteil: Eine einmalige Konstellation sei das, «so können wir die Musik und den Tanz aus einem Guss entwickeln».

Der Satz verrät viel über eine künstlerische Haltung, die nicht recht haben will, ­sondern den Austausch sucht, die Entdeckung, das Abenteuer. Schon in den bisherigen Projekten des Orchesters war das so: Da tauchte man ein ins Römer Musikleben zur Zeit von Arcangelo Corelli oder brachte nie veröffentlichte Handschriften aus der Bibliothek der Darmstädter Hofkapelle zum Klingen.

Wie viel Freiheit liegt drin?

Nun also «Terpsicore», Georg Friedrich Händels einzige Tanzmusik, kombiniert mit Werken seines vergessenen Zeitgenossen Schieferdecker. Auch diesmal liegen keine gedruckten Noten auf den Pulten, sondern Kopien von Handschriften, die ebenso viel offenlassen, wie sie festlegen.

So stellen sich laufend Fragen während dieser Probe: Wie gestaltet man einen Auftakt im französischen Stil? Wie frei kann man spielen, ohne die Tänzer in Schwierigkeiten zu bringen? Und wäre es nicht besser, in dieser Phrase leiser zu werden? Manches wird beantwortet, anderes ergibt sich beim Ausprobieren.

In Zürich hat man sich eher um die Neue-Musik-Szene gekümmert.

Bleibt die eine, grosse Frage: Klappt es diesmal? Schon mehrfach gab es Anläufe, in Zürich ein Barockorchester zu gründen, ­keiner hat so richtig funktioniert. Anders als in Basel, wo die Alte Musik dank der Schola Cantorum gut verwurzelt ist, hat man sich hier lange eher um die Neue-Musik-Szene gekümmert.

Und dann ist da La Scintilla, die ­Barock-Formation des Opernhauses: Ein Glücksfall, der aber dafür sorgt, dass es für Vivaldi- oder Charpentier-Opern keine Gast-Ensembles braucht – auch dies im Unterschied zu Basel, wo die Ensembles La Cetra oder Musica Fiorita das frühe Opern-Repertoire begleiten.

«Sonnig» spielen? Kein Problem, das klappt schon im zweiten Anlauf.
«Sonnig» spielen? Kein Problem, das klappt schon im zweiten Anlauf.

Monika Baer und Renate Steinmann kennen die Schwierigkeiten, sie waren bei früheren Zürcher Barockversuchen als Konzertmeisterinnen dabei. Im Moment betreiben sie das ­Projekt im Geist eines Start-ups: mit ­wenig Geld, viel Idealismus – und einer stabilen Gruppe von Verbündeten. Während andere freie Barockensembles ihre Mitglieder weiträumig zusammentrommeln, setzen sie auf lokale Kräfte. Mit dem willkommenen Nebeneffekt, dass so keine ­Reise- und Hotelkosten anfallen.

Hell und wehmütig

Einen zweiten Nebeneffekt hört man in der Probe, wenn die einen ohne viele Worte wissen, was die anderen meinen. «Sonnig» spielen? Kein Problem, das klappt schon im zweiten Anlauf.

Aber mittlerweile haben die Musiker Schieferdeckers Chaconne weggelegt, Apollo tritt auf. Oder eben nicht, der Tänzer wird diesen Teil erst im Theater Rigiblick proben können, wenn die Kulissen da sind. Aber die Musik dazu, die klingt schon mal so, wie es sich gehört für einen göttlichen Einzug: hell und wehmütig, sanft und kraftvoll. Und durchpulst von einer Energie, die einen in Bezug auf die Zukunft dieses Ensembles tatsächlich ­optimistisch stimmt.

«Terpsicore» im Theater Rigiblick: 3. und 4. April, jeweils 20 Uhr.

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