Königin mit gebrochener Seele

Die Südkoreanerin Yun-Jeong Lee (34) stellt im Stadttheater Bern die Königin der Nacht in Mozarts «Zauberflöte» dar. Eine Begegnung.

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Helen Lagger@FuxHelen

Yun-Jeong Lee bittet im Vorfeld des Treffens um einen Fragekatalog. Sie sei dann weniger nervös, wenn sie sich vorbereiten könne. Die Südkoreanerin kommt schliesslich gut gelaunt zum Gespräch, die Fragen sauber auf einem Blatt Papier notiert. Und das soll die böse Königin der Nacht sein?

Seit der Spielzeit 2012/2013 gehört Lee zum festen Ensemble von Konzert Theater Bern. Sie trat bisher als Blonde in «Die Entführung aus dem Serail», als Ännchen in «Der Freyschütz» sowie als Zerbinetta in «Ariadne auf Naxos» in Erscheinung.

Alles eher quirlige bis frivole Charaktere. Nun stellt Lee eine der düstersten und dramatischsten Figuren der Operngeschichte dar: Sie übernimmt in Mozarts 1791 uraufgeführtem Singspiel «Die Zauberflöte» den Part der Königin der Nacht.

Irrational und intuitiv

Inszeniert wird die Oper aller Opern von Gastregisseur Nigel Lowery, unter anderem bekannt für seinen britischen Humor. Sein Sarastro waltet denn auch statt in einem Tempel der Weisheit in einem Warenhaus.

Die Königin der Nacht führt – zumindest bis zu ihrem grossem Auftritt im 2.Akt – ein Schattendasein im Keller. «Sarastro verkörpert für mich das Rationale. Die Königin der Nacht hingegen ist irrational, am Rand zum Wahnsinn», sagt Nigel. Die Nacht selbst stehe für das Intuitive in der Kunst.

Verzweifelt und entmachtet

Auch Lee betont das Zwiespältige ihrer Rolle. «Ich dachte zuerst, diese Figur habe ein kaltes Herz und keine Gefühle.» Doch wenn man sich in die Königin hineinversetze, werde einem bewusst, dass sie auch eine Frau mit gebrochener Seele sei. Die legendär hohen Töne, die seien auch Ausdruck ihres Schmerzes.

Die Königin ist nicht nur eine entmachtete Regentin, sondern auch eine verzweifelte Mutter, die in ihrer weltberühmten Arie «Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen» die eigene Tochter zum Mord anstiftet.

Lee führt kurzerhand vor, wie die Königin in dieser Szene vor Wut schäumend die Spitze eines Streichinstrumentes zur Mordwaffe umfunktioniert. Die liebenswürdige eher schüchtern wirkende Sopranistin verändert dabei wie auf Knopfdruck ihren Gesichtsausdruck. Rachegelüste funkeln für einen kurzen Moment in ihren Augen. Wie wird man als Sängerin auch zur guten Darstellerin? «Wir haben während sechs Wochen ausschliesslich szenisch geprobt», erklärt Lee.

Jung und lyrisch

Mit ihrem sogenannten lyrischen Koloratursopran entspricht Lee nicht unbedingt der landläufigen Königin der Nacht, die meist von einem dramatischen Koloratursporan gesungen wird. «Die Rachearie hat mir immer Glück gebracht. Ich habe sie oft bei wichtigen Vorsingen und Wettbewerben vorgetragen.» Die Partie sei in ihrer Heimat Korea ebenso bekannt wie in Europa.

Schliesslich ist eine berühmte Königin der Nacht die Südkoreanerin Sumi Joe. Sie war die erste asiatische Sopranistin, der eine Weltkarriere gelang. Lee selbst entdeckte ihre Freude am Singen im Kirchenchor. Später wurde die bekennende Christin, die mit einem Pfarrer verheiratet ist, von einer Musiklehrerin gefördert. Sie verliess ihr kleines Heimatdorf und studierte in Seoul Gesang.

Als Despina in «Così fan tutte» hatte sie ihren ersten Auftritt. Anschliessend studierte Lee an der Musikhochschule in Hamburg. Sie gab dort ihr Debüt als Donna Anna in «Don Giovanni» und Vespina in «L’infedeltà delusa». An der Staatsoper in Stuttgart gehörte sie vor ihrem Engagement in Bern zum festen Ensemble.

Am meisten fehlten ihr die Familie und ihr in Korea lebender Mann, sagt Lee. Wenn sie schlimmes Heimweh habe, gehe sie in den Rosengarten und tröste sich mit dem Gedanken: «In dieser schönen Stadt wohne ich.»

Premiere: Sonntag,23.November, 18 Uhr, Stadttheater, Bern. Weitere Infos: www.konzerttheaterbern.ch

Berner Zeitung

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