Musizieren mit Cello und Tipp-Ex

Der Schweizer Cellist Walter Grimmer hat den hiesigen Musikbetrieb als Lehrer und Interpret entscheidend mitgeprägt. Nun feiert er seinen 80. Geburtstag mit einer Konzertserie.

Walter Grimmer testet sein neues Cello in der Werkstatt von Peter Westermann. Foto: Fabienne Andreoli

Walter Grimmer testet sein neues Cello in der Werkstatt von Peter Westermann. Foto: Fabienne Andreoli

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Sein Cello hat Walter Grimmer nicht dabei beim Treffen im Café, das wird er gleich danach abholen bei seinem Geigenbauer Peter Westermann. Ein Wunsch­instrument sei es, sagt er, sein drittes Westermann-Cello in fünfzig Jahren, erst drei Monate alt: «Da gibt es immer noch Kleinigkeiten zu justieren.»

Aber ein Mäppchen hat er mitgebracht, immer wieder zieht er etwas daraus hervor: das Programm eines Konzerts etwa, das er 1961 in Biel unter der Leitung des damals blutjungen Armin Jordan gespielt hat; die teuersten Karten kosteten 3.45 Franken. Oder ein Foto des Dirigenten Carlos Kleiber, «da reut es mich bis heute, dass ich nicht mehr im Berner Sinfonieorchester war, als er dort dirigiert hat». Oder einen geradezu rührend dankbaren Brief des Basler Komponisten Klaus Huber, von dem er einige Werke uraufgeführt hat.

Huber ist tot, wie viele, mit denen Grimmer zu tun gehabt hat. Aber wenn er von ihnen erzählt, in knappen, floskelfreien Sätzen, dann werden sie wieder lebendig. Sein erster Lehrer etwa, Franz Hintermann, der ihn im Estrich der Schaffhauser Musikschule unterrichtet hat: «Ein trockener Typ, alte Schule, ungemein seriös.» Auch Pablo Casals hat ihn geprägt, im Meisterkurs bei ihm hat Grimmer seine Angst vor hässlichen Tönen verloren, «weil man ohne sie auch keine schönen Töne spielen kann». Und dann war da Enrico Mainardi, mit dem alles begonnen hatte, 1947 im Schaffhauser Münster, wo Grimmers Vater Pfarrer war: Mainardi spielte Bach dort, «und da war alles klar für mich».

Exotische Tourneen

Walter Grimmer wurde also Cellist, der bekannteste seiner Generation in der Schweiz und der vielseitigste. Mit 26 Jahren engagierte ihn Paul Klecki fürs Berner Sinfonieorchester als Solocellisten, drei Jahre später kam mit der Camerata Bern ein Kammerorchester dazu; ausserdem spielte er im legendären Berner Streichquartett, und auch als Solist war er bald international gefragt. Sein Repertoire war breit, neben den klassischen Kernwerken führte er viel Zeitgenössisches auf, oft im engen Austausch mit den Komponisten. Er erzählt von Helmut Lachenmann, der auf einer ganz präzisen Umsetzung seiner Anweisungen bestand; oder von Hans Ulrich Lehmann, der ihm gesagt habe, er solle nicht so viel üben.

Auch von Tourneen erzählt er, am liebsten von den exotischen, die ihn auf die Fidschi-Inseln führten oder nach Nordkorea. Und dann von seinen Schülern an der Berner Musikhochschule und später in Zürich (wo er selbst studiert hatte, bei Richard Sturzen­egger). Er sei wohl ein strenger Lehrer gewesen, sagt Grimmer, «halt ebenfalls alte Schule». Musik sei nun mal kein Selbstbedienungsladen, «ich finde es oberflächlich, wenn man sagt: Du kannst es so machen oder so oder auch ganz anders. Man geht ja zu einem Lehrer, weil man etwas wissen will von ihm.»

«Die gedruckten Vorgaben mussten wir mit einer Rasierklinge abkratzen, damit man sie nicht mehr sah.»Thomas Demenga

Er konnte offenbar vermitteln, was er wusste; jedenfalls sind viele seiner Schüler selbst erfolgreiche Musiker geworden. Die Tonhalle-Cellisten Rafael Rosenfeld und Benjamin Nyfenegger etwa haben bei ihm studiert. Oder Thomas Demenga, der zu seinen ersten Studenten gehörte, sich am Telefon aber noch sehr genau an Grimmers «System» erinnert: Bogenstriche und Fingersätze seien jeweils mit roten und blauen Stiften in die Noten geschrieben worden, «die gedruckten Vorgaben mussten wir mit einer Rasierklinge abkratzen, damit man sie nicht mehr sah».

Grimmer grinst, wenn man ihn darauf anspricht: «Heute verwende ich Tipp-Ex.» Aber es sei tatsächlich wichtig, dass nur die Angaben für die eigene Interpretation in den Noten stünden – das habe er von Maurice Gendron gelernt, einem weiteren wichtigen Lehrer: «Steht noch etwas anderes drin, spielt man sozusagen dagegen an.» Das lenke ab, während man in der Musik doch aufs Ganze gehen müsse: «Es geht um die Wahrheit, um welche auch immer.»

Von wegen Urtext!

Er zieht dann Schuberts Streichquintett aus seinem Mäppchen, das er zusammen mit dem jungen französischen Yako-Quartett bei den Konzerten zu seinem 80. Geburtstag aufführen und auch auf CD einspielen wird. «Urtext» steht auf dem Umschlag, aber Grimmer schüttelt den Kopf, «Schuberts Manuskript ist ja gar nicht erhalten, das ist nur der Nachdruck der Erstausgabe.» Und diese Erstausgabe, die müsse ein miserabler Kopist erstellt haben, «schauen Sie mal: Hier müsste doch statt einer Wiederholung ein erster und zweiter Schluss notiert sein!»

Tatsächlich, es wäre logischer. Und Grimmer wird das Stück auf jeden Fall so spielen. Er freut sich darauf, weil er das Yako-Quartett so elektrisierend gut findet, weil sein fast neues Cello zum Einsatz kommen wird. Und auch, weil er sonst nicht mehr viele Konzerte gibt: «Irgendwann wird es von selbst weniger», sagt er, und es klingt, als ob es genau richtig sei, wie es ist.

Konzerte: Sa, 2. März, 19.30 Uhr, Hinterdorfstr. 10, Pfungen; Do, 7. März, 19.30 Uhr, Florhofgasse 6, Zürich; Sa, 9. März, 19.30 Uhr, Helvetiaplatz 6, Bern.

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