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Streichtrio und Yogamatten

Entspannungsübungen vor dem Konzertgenuss? Das La Cappella will mit den Konventionen der Klassikszene brechen.

Bodyworkerin Sophie Kinkel stimmt das Publikum auf das Konzert ein.
Bodyworkerin Sophie Kinkel stimmt das Publikum auf das Konzert ein.
Christoph Hoigné

Es ist ein etwas unüblicher Anblick, der einen an diesem Abend im La Cappella im Breitsch erwartet. Vor und auf der Bühne liegen Yogamatten und Kissen bereit, überall sind Gymnastikbälle verteilt, und erst in der hinteren Hälfte des Raumes wartet die übliche Bestuhlung auf. Schon sind einige der Liegeplätze besetzt, haben sich Experimentierfreudige mit Kissen und Decken bereits bequem eingerichtet.

Familiäre Atmosphäre

Die Atmosphäre ist entspannt, das Team und die Musikerinnen und Musiker heissen Neuankömmlinge persönlich im «grossen Wohnzimmer» willkommen. Das Team, das sind der Cappella-Leiter Christoph Hoigné, die Ideenschmiedin Sonja Koller, die «Bodyworkerin» Sophie Kinkel und das Trio 4, das sich aus Fióna-Aileen Kraege (Violine), Nada Anderwert (Viola) und Gabriel Wernly (Cello) zusammensetzt.

Die Idee des Abends: Musikgenuss ohne den Druck althergebrachter Konventionen, Klassik ganz ohne den ungeschriebenen, aber immer mitschwingenden Verhaltenskodex. Man soll eintauchen in die Musik, ohne vom Alltag oder von Erwartungshaltungen abgelenkt zu werden.

Versuchen wir es also mit Streichtrio auf der Yogamatte. Bevor die Musik erklingt, kommt Sophie Kinkels Rolle als «Bodyworkerin» zum Zug. Sie lädt dazu ein, sich mit Entspannungs- und Atemübungen auf die Musik einzustellen. Unter ihren Anweisungen spannt man sämtliche Muskelpartien an und löst sie wieder, massiert Gesicht und Ohren, schüttelt sich am ganzen Körper. Anfängliche Vorbehalte lösen sich rasch auf, auch die Zurückhaltenden in den hinteren Stuhlreihen steigen nach und nach in die Übungen mit ein.

Ein Hörerlebnis

Da liegt man dann also, nah bei sich und der eigenen Atmung, als aus dieser Ruhe hinaus das Trio 4 zu Bachs Goldberg-Variationen in der Bearbeitung für Streichtrio anhebt. Und was da kommt, hat die Bezeichnung eines Hörerlebnisses richtiggehend verdient. Es fühlt sich an, als hätte man eine lange getragene, dichte Maske abgelegt; die Musik gelangt total ungefiltert und unmittelbar an das Innerste. Ohne bewusst bereit für die Musik gewesen zu sein, nimmt man die Klänge auf, taucht ein, lässt sich von ihnen wegtragen und wieder zurückholen.

Das Trio 4 spielt innig, intim und führt feinfühlig durch Johann Sebastian Bachs raumgreifendes Werk, das sich aus 32 Einzelsätzen zusammensetzt. Jede der Goldberg-Variationen stellt ein eigenes kleines Kunstwerk dar, und Bachs Sätze laden förmlich dazu ein, sich von der Musik wegtragen zu lassen, in vergangene Zeiten und Kontexte zu entschwinden.

Einschlafen erlaubt

Während der zwei je 40-minütigen Teile gibt es immer wieder Momente, bei denen man sich im Nachgang nicht sicher ist, ob man einfach auf gedanklicher Reise oder vielleicht sogar kurzzeitig weggedöst war. Alles, auch einschlafen, sei erlaubt, hat das Team einleitend zur «Ohrarmung» betont. Schliesslich seien die Goldberg-Variationen ja Überlieferungen zufolge als Musik geschrieben worden, um die Schlafprobleme des Auftraggebers zu beseitigen. Allein das Wissen, einnicken zu dürfen, entspannt für das Hörerlebnis an diesem Abend ungemein. Die «Ohrarmung» ganz zu verschlafen, wäre jedoch ein Jammer gewesen.

«Klassik-Ohrarmung»: weitere Konzerte der Reihe am 10. Februar, 30. März, 27. April und 11. Mai, jeweils 20.00 Uhr. Informationen und Tickets: www.la-cappella.ch

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