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«Tiere lügen nie»

Dmitri Kitajenko war von 1990 bis 2004 Chefdirigent des Berner Symphonieorchesters (BSO). Nun kehrt der gebürtige St. Petersburger für das Galakonzert am Donnerstag nach Bern zurück.

«Musik gibt mir unglaublich viel Energie, jeden Tag»: Dmitri Kitajenko.
«Musik gibt mir unglaublich viel Energie, jeden Tag»: Dmitri Kitajenko.
Nicole Philipp

Herr Kitajenko, Sie waren 14 Jahre lang Chefdirigent des BSO. Mit welchen Gefühlen kehren Sie nun als Gastdirigent zurück?

Es ist sehr emotional und fühlt sich an wie ein Nachhausekommen. Wissen Sie, ich war 1982 zum ersten Mal Gastdirigent beim BSO und dann so lange Chefdirigent – das verbindet. Es sind noch einige Musikerinnen und Musiker von früher dabei.

Sie kommen gerade von der ersten Probe. In welcher Form erleben Sie das Berner Symphonieorchester heute?

In sehr guter. Die Atmosphäre ist sehr freundlich und professionell.

Sie werden am Donnerstag unter anderem die 4. Sinfonie von Peter Tschaikowsky spielen – welche Inputs haben Sie dem Orchester gegeben?

Bei Tschaikowsky muss man immer aufpassen, dass man nicht zu viel Gefühl hineingibt, denn dann klingt es zu süss. Man darf aber auch nicht zu hart attackieren, sonst klingt es zu grob. Die Mitte zu finden, ist die Herausforderung. Ich habe mit dem Berner Symphonieorchester an einem weicheren Klang gearbeitet und versucht, das Tempo ein wenig rauszunehmen.

Was macht dieses Werk für Sie aus?

Es ist eine sehr dramatische Sinfonie, sozusagen eine Schicksalssinfonie für Tschaikowsky. Sie fühlt sich für mich ähnlich an wie die 5. Sinfonie von Beethoven. Die Sinfonie wurde 1877 komponiert – im selben Jahr wurde das Berner Symphonieorchester gegründet. Damit ist das Konzert sozusagen ein Blick zurück. Auch für mich selbst: Ich bin in St. Petersburg geboren und mit der Musik Tschaikowskys aufgewachsen. Während früher für mich die schnellen Sätze interessanter waren, sind es heute die langsameren: Ich will das Werk nicht technisch, sondern in erster Linie gefühlsmässig erfassen.

Ihre 14-jährige Amtszeit als BSO-Chefdirigent ist bis heute mit Abstand die längste von allen BSO-Dirigenten. Was hat Sie so lange in Bern gehalten?

Mein Ziel war es damals, aus einem Provinzorchester einen professionellen Klangkörper zu machen. Das Berner Symphonieorchester hatte keine grosse Konzerterfahrung und ein kleines Repertoire. Es war sehr spannend, den Klangkörper wachsen zu sehen. Und ich habe auch viel vom BSO gelernt.

Was zum Beispiel?

Geduld (lacht).

Treten Sie heute als Dirigent anders auf als früher?

Meine Philosophie ist immer noch dieselbe: Wenn ich vor einem Orchester stehe, sehe ich nicht die Instrumente, sondern die Menschen. Ihre Stimmung, ihre Haltung und ihr Hintergrund machen die Musik. Ausserdem gibt es kein Gefälle zwischen Orchester und Dirigent, ich arbeite nicht von oben herab. Es geht darum, gemeinsam den optimalen Klang zu finden. Jedes Orchester hat eine Seele. Die Aufgabe des Dirigenten ist es, diese zu erfassen und zum Klingen zu bringen.

«Wenn ich vor einem Orchester stehe, sehe ich nicht die Instrumente, sondern dieMenschen.»

Sie sind jetzt 78 Jahre alt. ­Glauben Sie immer noch an die Kraft der Musik?

Aber ja, mehr denn je! Es ist immer wieder etwas Besonderes, das Geheimnis eines Werks zu entschlüsseln. Musik gibt mir unglaublich viel Energie, jeden Tag.

Gibt es Werke, deren Geheimnis Sie bis heute nicht entschlüsseln konnten?

Es gibt in jedem Alter Werke, zu denen einem der Zugang fehlt. Ich dirigiere schon länger nichts mehr von Franz Liszt. Als ich jung war, war ich verrückt nach seiner Musik. Ich mag sie immer noch, aber sie zu dirigieren, fällt mir schwer.

Haben Sie eigentlich ein Lieblingswerk?

Wissen Sie, ich habe schon über 250 CDs eingespielt, alle Werke von Tschaikowsky, Rachmaninow, Rimski-Korsakow, Schostakowitsch, Prokofiew und vieles von Mozart, Strauss, Strawinsky… ich habe zu viele Lieblingswerke.

Hören Sie sich Ihre eigenen Aufnahmen zu Hause an?

Nein.

Warum nicht?

Es ist ein schönes Gefühl, zu wissen, dass alles dokumentiert ist. Aber zu Hause bin ich schnell abgelenkt und kann nicht immer konzentriert arbeiten. Plötzlich springt meine Katze Roger auf den Tisch und will gestreichelt werden. Tiere warten nicht auf den richtigen Moment. Und sie lügen nie. Deshalb mag ich sie so.

Sie wohnen ja nicht weit von Bern. Sind Sie oft hier?

Ja, ich bin immer mal wieder in Bern und mag die Stadt sehr. Das Berner Symphonieorchester wird mich immer mit Bern verbinden. Aber wohnen möchte ich hier nicht. Ich lebe in einem kleinen Dorf im Kanton Freiburg. Hier gibt es weniger Touristen, das mag ich (lacht).

Galakonzert:Donnerstag, 13. Dezember, 19.30 Uhr, Kursaal-Arena, Bern. Werke von Tschaikowsky und Rachmaninow. Solist: Rudolf Buchbinder. Tickets: www.konzerttheaterbern.ch.

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