Wenn Blasmusik im Stundenplan steht

Musikunterricht ist etwas für Privilegierte? Nicht in den Zürcher Bläserklassen, dort machen alle mit. Wir hörten hin.

Von «Yellow Submarine» bis Beethoven: Martin Sonderegger leitet die Bläserklasse aus dem Zürcher Schulhaus Altweg. (Foto: Andrea Zahler)

Von «Yellow Submarine» bis Beethoven: Martin Sonderegger leitet die Bläserklasse aus dem Zürcher Schulhaus Altweg. (Foto: Andrea Zahler)

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Die einen schwatzen, andere triezen sich, ein Bub singt vor sich hin, ein Mädchen schraubt an seiner Flöte herum. Das erste «pscht» von vorne hört niemand, aber nach dem dritten ist Ruhe. Und dann spielen sie, «Yellow Submarine» von den Beatles. Hoch konzentriert, hoch motiviert. Und bemerkenswert gut.

Wir sind im Vortragssaal des Zürcher Musikzentrums Triemli. Die Kinder sind mit ihren Instrumentenkoffern auf den Einkaufswägelchen hierher gekommen, aus dem nahen Schulhaus Altweg; dort besuchen sie die 3. Klasse, die am städtischen Programm der Bläserklassen teilnimmt.

Nach den letzten Sommerferien durften sie deshalb verschiedene Instrumente ausprobieren. Vor rund neun Monaten konnten sie ihre Querflöten und Klarinetten, ihre Posaunen, Baritone und Kornette dann nach Hause nehmen. Zwei Schulstunden pro Woche hatten sie seither zur Verfügung, um zusammen zu üben.

Zum Tragen ist die Posaune zu gross, ein Einkaufswägelchen hilft. Foto: Andrea Zahler

Viel ist passiert in dieser Zeit, die Journalistin hat es auch als Mutter miterlebt: Der Junior sitzt in dieser Klasse, bei den Posaunen. Ein Instrument war zuvor nie ein Thema gewesen für ihn, aber wenn schon, dann wollte er ein lautes haben. Gross war der Stolz auf den ersten Ton, der noch eher ein Geräusch war («ich habe den Durchfallton erfunden!»).

Es klang dann aber bald salonfähiger, und kurz vor Weihnachten kam er im Triumph nach Hause: «Wir haben das ‹a› gelernt!» Das war der letzte Ton, der ihm noch fehlte für die «Avengers»-Filmmelodie. Und der Moment, als die Posaune definitiv cool wurde.

Auch anderen in der Klasse sieht man die Begeisterung an in dieser Stunde. Schon zu Beginn, wenn sie mit professionellem Ernst die Blättchen der Klarinetten einspannen oder den Zug der Posaunen testen: Doch, ist gut geölt. Oder auch später, wenn sie mitwippen, vorspielen wollen, sich gegenseitig befeuern. «Noch einmal», ruft ein Klarinettist nach «Yellow Submarine».

Ein Kollege verdreht da allerdings die Augen: Es reicht jetzt. So wie nicht alle gern rechnen in einer Klasse, mögen auch nicht alle die Musik. Zu mühsam, das Üben. Keine Lust auf Blaskapelle.

«Ein offener Raum»

Aber das macht nichts. «Das Ziel ist nicht, möglichst viele Kinder in den Instrumentalunterricht zu lotsen», sagt Martin Sonderegger von Musikschule Konservatorium Zürich, der diese Bläserklasse leitet; «wir wollen ihnen eine Erfahrung ermöglichen, die sie sonst vielleicht nicht machen könnten».

Beat Zgraggen, der als Klassenlehrer dieser Schüler selber in der Bariton-Gruppe mitspielt, schätzt genau dies: «Es ist so vieles definiert in den Lehrplänen, hier ist einfach ein offener Raum.» Einer, in dem es nicht um Lernziele geht wie sonst in der Schule. Auch nicht ums Gewinnen wie beim Fussball auf dem Pausenplatz. Sondern darum, zu erleben, was man miteinander zustande bringt.

Ist das Blättchen richtig eingespannt? Foto: Andrea Zahler

Wie wichtig das ist, weiss man nicht nur im Schulhaus Altweg. Bläser- und Streicherklassen gibt es in weit über tausend Schulen in ganz Europa. Auch in der Schweiz ist das Projekt zwar nicht flächendeckend, aber doch in zahlreichen Städten und Gemeinden angekommen. In Zürich wurde 2008 im Schulkreis Glattal die erste Bläserklasse gegründet, mit positivem Echo von allen Seiten. Mittlerweile gibt es 66 Bläserklassen und 33 Streicherklassen in der Stadt; 38 der 89 Primarschulen machen mit.

Das kostet, denn das Angebot soll gratis sein für die Schülerinnen und Schüler. Die Instrumente werden ihnen zur Verfügung gestellt, und neben dem Hauptleiter kommen regelmässig weitere Lehrerinnen und Lehrer für die Registerproben zum Einsatz. Aber niemand spricht vom Sparen, das Projekt ist politisch gut verankert. 2013 wurde es in die hiesige Volksschulverordnung aufgenommen.

Und der Ausbau geht weiter, soweit es vom Budget und vom Personal her möglich ist; nach wie vor können sich neue Schulen bewerben. Man schaue auf eine gleichmässige Verteilung über die Schulkreise hinweg, heisst es dazu bei Musikschule Konservatorium Zürich. Im Zweifelsfall entscheidet man sich allerdings für Schulen mit hohem Ausländeranteil: Das Klassenmusizieren ist auch ein soziales Projekt, für Kinder, deren Eltern vielleicht keinen Bezug haben zur Musik oder sich kein Instrument leisten können.

Ohren zuhalten!

Zurück ins Musikzentrum Triemli. Dort hält Bläserklassenleiter Martin Sonderegger nun ein Blatt in der Hand, «mf» steht darauf, und die Schülerarme schnellen hoch: «Das heisst mezzoforte, also mittellaut.» Ein Spiel wird draus, ein Kind bläst, die anderen müssen die Lautstärke erraten. Erst kommt «forte». Dann noch einmal «forte», irgendwo muss die Energie ja hin.

Als der dritte Bub warnt, die anderen sollen sich schon mal die Ohren zuhalten, geht das Rätseln los: Ist der jetzt besonders schlau und spielt leise? Oder hat er sich seine eigene Überraschung verpatzt? Er kann sich dann selbst nicht entscheiden und spielt zwei Töne, einen laut, einen leise. Das ist gegen die Spielregeln, aber egal. Dass die Kinder verschiedene Lautstärken beherrschen, ist damit klar.

Was heisst «mf»? Auf die Frage schnellen die Schülerarme sofort in die Höhe. Foto: Andrea Zahler

Überhaupt haben sie viel gelernt in diesen paar Monaten: Einander zuhören. Regelmässig üben. Sich auch mal zurücknehmen. Sie wissen, wer die Beatles waren, und wie sich die Melodie und die Bassstimme in «Ob-La-Di, Ob-La-Da» ergänzen. Viele können Noten lesen, die anderen haben zumindest mitbekommen, dass es neben den Buchstaben und den Zahlen noch andere Schriften gibt. Man könne ja nicht messen, was so ein Projekt tatsächlich «bringt», sagt Klassenlehrer Beat Zgraggen, aber eines sei sicher: «Es sind schöne Momente, wenn wir alle zusammen musizieren.»

Auch, weil die Einzelleistung für einmal nicht zählt. Zwar sind die Kinder ganz unterschiedlich weit gekommen in diesem Schuljahr; während die einen schon loslegen, sind andere noch daran, ihre Finger zu büscheln. Aber sie alle haben die Erfahrung gemacht, was es heisst, ein Instrument in der Hand zu halten, Töne zu produzieren, mitten im Klang zu sitzen. Wer wie viel dazu beiträgt, sei da gar nicht so wichtig, sagt Beat Zgraggen. Hauptsache, das Ganze klingt gut.

Die Hälfte macht weiter

Das tut es sogar auf Anhieb, auch das zeigt sich in dieser Stunde. Denn nach den Beatles-Songs wird ein neues Stück angepackt, Beethovens «Ode an die Freude». Die Kinder schauen sich die Noten an und spielen dann ab Blatt: problemlos, sogar der punktierte Rhythmus klappt. Die Zuhörerin staunt, Martin Sonderegger nickt: Sie seien wirklich gut, diese Mädchen und Buben, «manchmal unruhig, aber wenn sie spielen, sind sie voll da».

Der Beethoven-Hit ist allerdings eines der letzten Stücke, das sie lernen werden. Vor den Sommerferien müssen sie die Instrumente abgeben, die nächsten Drittklässler rücken nach. Aber es gibt ein Nachfolge-Ensemble für die Viertklässler, nicht mehr gratis, aber immer noch günstig. Neun der 19 Kinder dieser Klasse werden weitermachen – das sind viele.

Kleine Warnung an die Nachbarn: Unser Posaunist ist auch dabei.

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