Aus dem Rahmen gefallen

Die Ausstellung «Letzte Lockerung» in der Berner Kunsthalle widmet sich der Selbstinszenierung.

Falsche Blondine in der Aare: «in Drag» von Philipp Timischl.

Falsche Blondine in der Aare: «in Drag» von Philipp Timischl.

(Bild: zvg)

Helen Lagger@FuxHelen

Eine Blondine posiert vor der Aare oder taucht gar in ihr ab. Sie trägt Stiefel, die bis zu den Oberschenkeln reichen und eine Sadomaso-Kluft, die sehr viel Haut frei lässt. Da fällt offensichtlich jemand ganz bewusst aus dem Rahmen. Es ist der 1989 in Graz geborene Künstler Philipp Timischl, der sich «in Drag» – als Frau verkleidet – inszeniert hat. Mit Fotografien dieser von ihm geschaffenen Kunstfigur hat er die ganze Kunsthalle garniert.

Die Frage, was in welchem Milieu als angemessen gilt, treibt den in Paris lebenden Künstler um. Dragqueens tragen bekanntlich gern dick auf und lieben das Spektakel. Doch diese Kunstform hat auch subversives Potenzial: Mann verabschiedet sich als Frau von dem, was gemeinhin als guter Geschmack gilt. Timischls Fotos hängen teils in billigen Rahmen, wie man sie nicht in einer Institution wie der Kunsthalle erwarten würde. Die Bildästhetik erinnert an Aufnahmen für ein Schmuddelheft, das noch so nebenbei Touristen nach Bern locken möchte.

Die Fotoserie ist die auffälligste Arbeit in der von Kunsthalle-Direktorin Valérie Knoll kuratierten Schau. «Letzte Lockerung» lautet der Titel der Ausstellung. Dabei bezieht sich Knoll auf den österreichischen Schriftsteller Walter Serner (1889–1942), dessen gleichnamiges Manifest als einer der wichtigsten Dada-Texte gilt. «Für mich ist mit der letzten Lockerung der Moment gemeint, bevor man sich vor die Kamera stellt und selbst ablichtet», so Knoll.

Die Dramatisierung des alltäglichen Lebens mit jenem Wesen, das wir Ich nennen, sei kein neues Phänomen, habe aber durch die sozialen Medien zusätzliche Bühnen erhalten. Dass dies auch für Kunstschaffende schier unendliche Möglichkeiten bietet, versteht sich von selbst. Das Spiel mit Rollen und Masken ist eine von Künstlerinnen und Künstlern oft benutzte Strategie. Pseudonyme gibt es bekanntlich schon viel länger als das Internet. Doch wie geht man als Künstler damit um, wenn plötzlich jeder sein zweites – meist geschöntes – Ich auf Instagram präsentiert?

Gefallener Engel

Die 1989 in Argentinien geborene Künstlerin Amalia Ulman verwischt die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Sie entwickelt digitale Langzeitperformances, Videoessays und Vor­träge, die sie über die sozialen Medien verbreitet. Bekannt wurde sie mit dem Projekt «Excellences & Perfections» (2015), bei dem sie sich auf Instagram als armes, hübsches Mädchen vom Land inszenierte. Die Follower erlebten Fall und Aufstieg eines Engels, der sich als Model versuchte, einen Sugar-Daddy anlachte, Drogen nahm, die Rehab aufsuchte und schliesslich gesundete.

Als bekannt wurde, dass sie ein «Fake» war, reagierte mancher sogenannte Fan an­geblich mit Wut. In der Kunst­halle präsentiert Ulman nun mit der Videoarbeit «Buyer Walker Rover (Yiwu) Aka. There Then» (2019) eine Art Beichte. Man folgt einer spanisch sprechenden Frau nach China, wo sie Plunder für den 1-Dollar-Shop ihres Ehemannes einkaufen soll. Doch Ana beginnt zu träumen und möchte aus diesem Leben ausbrechen. Das erfährt man unter anderem durch Telefonate, die sie mit einer Freundin führt. Und sie vloggt – was so viel wie Bloggen in Form von Videos bedeutet. Es sind eine Art Liebesgrüsse aus der globalisierten Kommerzhölle, in der sich die Protagonistin befindet. Selfie-Stick sei Dank, entstehen dabei auch poetische Bilder. Etwa wenn Ana in einem Schneesturm feststeckt.

Ausstellung: bis 6.10., Kunsthalle, Bern. www.kunsthalle-bern.ch

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