Aus der Backstube ins Kunstatelier

Januarloch-Kalender

Heute heisst es wieder reinbeissen in den Dreikönigskuchen. Was aber geschieht mit dem kleinen weissen Plastikkönig? Die Berner Künstlerin Margret Schlegel-Oppliger weiss es.

Die Heiligen fünf Könige.

Die Heiligen fünf Könige.

(Bild: PD)

Tina Uhlmann

Letzthin am Kunstkoffermarkt: Bildskulpturen aus alten Buchdeckeln, ein schön gerahmtes Inventar kleiner Fundstücke von der Strasse, eine Reihe Bildschaukästen verschiedenster Formate mit den heiligen drei Königen aus dem Morgenland – pardon: aus der Backstube.

Man kennt diese kleinen, weissen Figürchen, die eingebacken in die Dreikönigskuchen immer am 6. Januar auf Schleckmäuler und Monarchen in spe warten; wer das Stück mit dem König drin erwischt, darf selber einen Tag lang König sein. Danach werden die Figürchen weggeworfen – oder, wenn ein Kind den König erwischt hat, vielleicht auch aufbewahrt in einem Schatzkästchen.

«Mich erinnern diese Figuren immer an die Kindheit», sagt Margret Schlegel-Oppliger, die am Kunstkoffermarkt Besucherinnen und Besucher verzauberte. «Eine religiöse Bedeutung haben sie für mich nicht.» Die 63-Jährige aus Münsingen, die mit ihrem Mann die Atelier-Galerie Schlegel in der Berner Lorraine betreibt, hat sich ein Stück Kindheit bewahrt, indem sie die Königsfigürchen immer noch hortet – und dann verarbeitet. Solche, die sie beim Königskuchenessen gewonnen hat, aber auch solche, die sie gefunden hat.

Geschichten erzählen

Überhaupt besteht Margret Schlegels Kunst aus Fundstücken. «Ich habe einfach Freude, wenn mir unterwegs etwas ins Auge springt, glitzernd, glänzend, auch wenn es nur ein Fragment ist.» Eine kaputte Halskette im Rinnstein etwa, oder ein Stück Draht. Was die elsterngleiche Künstlerin sich geschnappt hat, kommt im Atelier auf den Arbeitstisch oder in eine Dose. «Manchmal mache ich erst Monate oder Jahre später etwas damit», erzählt sie. So ist mit der Zeit auch eine stattliche Anzahl Dreikönigskuchen-Könige zusammengekommen.

«Nicht alle sind gleich», konnte Schlegel feststellen. «Es gibt diese eher groben Migros-Teilchen, aber auch feine, detailreich ausgearbeitete – und nicht nur Könige, auch Königinnen!» Mal gestaltet sie damit ein Miniatur-Paarbild, in dem sich die gekrönten Häupter von Mann und Frau ebenbürtig sind. Mal erlegt sie eine ganze Mannschaft von Königen in Reih und Glied auf einem Stück Brillenetui. So erzähle sie in ihren 3-D-Bildern «kleine Geschichten».

Beseelte Dinge

Margret Schlegel erhebt Abfall zur Kostbarkeit. Im kreativen Akt verwandelt sie Undinge in Glanzstücke, die zum Staunen und Schmunzeln reizen. Ihre theaterhaft in Szene gesetzten Kuchenkönige erinnern auch die Betrachtenden an die Kindheit, jene Zeit, in der man alles sammelt, was einem in die Hände fällt.

Jene Zeit auch, in der die Dinge beseelt sind und eine kleine weisse Plastikfigur tatsächlich ein majestätisches Eigenleben entwickeln, sprechen und handeln kann. Margret Schlegels Kunst-Stücke fordern verspielt dazu auf, mehr Sorge zu den Dingen zu tragen. Auf Art der Kinder. Zur Erinnerung: Es war ein Kind, dem die Könige aus dem Morgenland Geschenke brachten.

www.ateliergalerieschlegel.ch

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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