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Die Endlichkeit des ewigen Eises

Gletscher Der Luzerner Architekt Alexander Galliker hat einen produktiven Abstecher in die Kälte gemacht. Im Wallis, oberhalb von Saas-Fee, gestaltete er auf rund 3500 Metern Höhe das Innere des Feegletschers neu.

Interview: Susanne Hotz
Keine Angst vor bösen Eisgeistern: Architekt Alexander Galliker.
Keine Angst vor bösen Eisgeistern: Architekt Alexander Galliker.
Mischa Christen

Von Mai bis Juli 2016 traf man den Luzerner Architekten Alexander Galliker nicht in seiner Heimatstadt an, sondern im Wallis, und zwar dort, wo es richtig kalt ist – auch im Sommer. Der 58-Jährige gestaltete in diesen Monaten zusammen mit einem rund 30-köpfigen Team den weltweit grössten Eispavillon seiner Art neu. 1990 vom Glaziologen Benedikt Schnyder geschaffen, befindet sich die 5500 Kubikmeter umfassende Eisgrotte auf dem Mittelallalin, 3500 Meter über Meer. Von der Bergstation der Standseilbahn Metro Alpin führt ein 70 Meter langer Stollen in den Feegletscher und den Eispavillon.

Die von Galliker neu inszenierte Eisgrotte beinhaltet eine webgesteuerte Führung auf dem Handy, eine Lawinensimulation, einen Gletscherlehrpfad, eine Sagenwelt und eine Panoramaaussicht. Märchenhafte Eisskulpturen, Lichteffekte oder Fakten über den Floh, der es auch im Eis aushält, sollen die Besucher locken – und auch auf den wichtigen Schutz der gefährdeten Gletscher hinweisen.

Alexander Galliker, ist der von Ihnen gestaltete Eispavillon im Wallis tatsächlich der grösste weltweit?

Alexander Galliker: Diese Frage führt auf dünnes Eis. Man kann das nicht definitiv behaupten, weil sich der Gletscher ständig bewegt. So waren vor zwei Jahren noch Spalten und Höhlen begehbar, die es letzten März schon nicht mehr waren. Die Grotte bewegt sich jedes Jahr um circa 25 Zentimeter. Und das Ende der Gletscherzunge unten kann sich bis um 80 Meter pro Jahr verschieben.

Das hat die Gestaltung der Grotte doch sicher schwierig gemacht.

Alle Kabel mussten mit Schleifen verlegt werden – die Leitungen für Elektro und Daten sowie für die Druckluft müssen schliesslich der Bewegung standhalten.

Gibt es vergleichbare Eis­pavillons?

Die Eisgrotte auf dem Jungfraujoch ist es, und auch auf dem Rhonegletscher in den französischen Alpen hat es einen Pavillon ähn­licher Grösse. Die Feegrotte ist aber mit Abstand die schönste (schmunzelt).

Wie sah das Team aus, das diese Grotte neu inszenierte?

Das Team umfasste zwei, drei Leute aus unserem Büro plus viele Spezialisten. Insgesamt waren wir so um die dreissig Leute. Es brauchte Elektriker für die Beleuchtung, Glaziologen für die Sicherheit, das Atelier der Gebrüder Odermatt in Büren NW für die Skulpturen . . . Es brauchte jemanden für die Musik, Grafiker für die Werbung, einen Sagenerzähler . . . Meine Tochter Helen entwarf die Website und entwickelte eine App fürs Handy, mit der man sich in englischer, deutscher oder französischer Sprache durch den Pavillon führen lassen kann.

Wozu diese App?

Die Idee ist, all denen Infos zu bieten, die diese wollen. Wie alt ist welches Eis? Je tiefer man geht, desto älter ist das Eis. Insgesamt sind 30 Meter zu überwinden – das entspricht zehn Stockwerken. Auf 3500 Metern Höhe ist das nicht ganz unbeschwerlich. Die App lenkt so auch von der Anstrengung ab – vor allem beim Hochgehen.

Anstrengend waren ja sicher auch die Arbeiten direkt am Eis.

Eine Knochenarbeit war es, mit der elektrischen Motorsäge Eisblöcke rauszunehmen. Auf 3500 Metern Höhe liegt die Arbeitsleistung bei 60 Prozent – in der ersten Zeit ist das sehr anstrengend. Zudem fühlt man sich leicht klaustrophobisch, da das Atmen schwerfällt.

Waren Sie als Architekt ebenfalls speziell herausgefordert?

Ja, weil die Statik im Eis natürlich eine andere ist, nicht zu vergleichen mit derjenigen, die man bei Stein oder Beton zu berücksichtigen hat. Während mehrerer Monate wurden über zehn Tonnen Eisblöcke zurechtgesägt, behauen und geschliffen und zu Skulpturen im Gletscher eingearbeitet. Die eigentliche Baustelle hatten wir von Mai bis Juli 2016: Morgens um fünf sind wir in den Gondeln rauf auf den Gletscher, abends um fünf wieder runter. Diese Arbeiten am Eispavillon waren hart – abends bin ich jeweils tot ins Bett gefallen. Nicht zu vergessen die diversen Vorarbeiten.

Was für Vorarbeiten waren das?

Beispielsweise die Beleuchtung: Sie muss energieextensiv sein. Das Eis darf nicht schmelzen – die Abstände von Licht und Eisskulptur müssen stimmen. Die Kabel dürfen nicht einfrieren. Die Leuchtkörper müssen wasserdicht sein. In der Kältekammer der Gebrüder Odermatt haben wir 2015 bereits Leuchttests gemacht.

«Mich fasziniert die Ästhetik, die Bewegung dieser kompakten Masse, die Bildung von Spalten.»

Alexander Galliker

Wieso wurde der Eispavillon eigentlich überhaupt neu gestaltet?

Benedikt Schnyder, Ingenieur und Gletscherforscher, hat den ursprünglichen Eispavillon realisiert – 1990. Dieser geriet mit der Zeit in Vergessenheit, und irgendwann entstand der Wunsch, eine neue Attraktion an gleicher Stelle zu schaffen. Wir haben den Eispavillon einzig angepasst, der Name ist der gleiche, das Logo ist ein neues. Das Konzept soll ­mindestens fünfzehn Jahre bestehen – die Nachhaltigkeit muss stimmen.

Und wie kommt ein Luzerner Architekt zum Bau einer Walliser Grotte?

Durch Freundschaft, Erfahrung und die Zusammenarbeit mit dem Direktor der Saastal-Bergbahnen, Rainer Flaig. Am Pilatus und in der Lenzerheide habe ich schon verschiedene Projekte mit ihm realisiert. In Saas-Fee verantwortete ich bereits einen Hotelum- und -neubau. Mit dem Direktor der Saas-Fee-Bergbahnen verbindet mich eine lange Freundschaft.

Was fasziniert Sie an Gletschern?

Es ist die Ästhetik, die Bewegung dieser kompakten Masse, die Bildung der Spalten.

Was verbindet Sie mit dem Eis?

Ich bin sehr verbunden mit der Bergwelt insgesamt – ich liebe die Berge, auch zum Wandern. Die unbändige Natur, die Einsamkeit und die Ruhe. Das Rauschen des Wassers, der Wechsel von Alpenwiesen und Geröllhalden. Die Herausforderung der Gipfel. An Gletschern und deren Bewegungen war ich schon immer interessiert – es war für mich die Erfüllung eines Traums, einmal etwas mit ewigem Eis zu machen.

Schwitzen Sie nicht gerne?

Ich schwitze grundsätzlich ganz selten (lacht). Ich mag den Winter lieber als den Sommer. Und gewinne dem Baden im Sommer weniger ab als dem Wintersport.

Im neuen Eispavillon tummeln sich Fabelwesen, Pinguine, ­Bären – entspringen die Ihrer Fantasie?

Das Thema war ja da – die Grotte heisst ja Feegrotte. Das Thema rund um die Fee ist ein beliebtes bei Kindern, die Geschichte drumherum haben wir erfunden. Wie sieht der Palast der Gletscherfee aus, wenn keine Menschen da sind? Einen Brunnen aus Eis gab es schon, in den haben die Gäste Münzen reingeworfen. Wir haben noch Seerosen angebracht und einen Froschkönig ­dazu geschaffen. Das alles passt natürlich toll zur Hollywoodproduktion «Frozen», auf die alle immer noch abfahren.

«Frozen», Eishotels, Eispavillons – warum dieser Hype ums Eis?

Das hat wohl mit Abenteuer zu tun. Wo gibt es noch Bereiche, wo die Natur uns beherrscht? Wo wir uns widrigen Bedingungen stellen müssen, unseren Körper ­spüren. Und: Eis hat etwas Mys­tisches.

Wie passt da eigentlich der Gletscherfloh dazu, der ebenfalls im Mittelpunkt steht?

(lacht) Wir erzählen die Geschichte des Gletscherflohs, der 2 Millimeter misst und sich bei Temperaturen zwischen plus und minus 5 Grad wohl fühlt. Bis zu minus 20 Grad kann er überleben, über 12 Grad droht ihm der Hitzschlag.

Wovon ernährt sich dieser Floh?

Von Nadelholzpollen, Mineralstaub – er ist in diesen Breiten das einzige Lebewesen. Interessant ist auch, dass er sich erst mit drei oder vier Jahren fortpflanzen kann.

Und die Besucher schätzen diesen Mix aus «Frozen», Floh und Farbenspiel im Gletschereis?

Bereits die Eröffnung des neuen Eispavillons im Juli brachte viel positives Echo. Seither hat sich die Grotte zu einem Publikumsmagneten entwickelt: Die Frequenz auf der Sektion, die zum Eispavillon führt, hat um 30 bis 40 Prozent zugenommen.

Schadet denn der viele Tourismus dem Gletscher nicht?

Man muss sich schon um ihn sorgen. Deshalb haben wir darauf ­geachtet, dass der Gletscher technisch nicht zu sehr in Anspruch genommen wird. Vergangenen Sommer haben wir zudem Jacken zur Verfügung gestellt, weil wir Probleme mit der Abwärme der Gäste hatten. Denn wer nicht wintertauglich angezogen ist, der gibt im ganzjährig minus 5 Grad kalten Pavillon Wärme ab, die sich als Kondenswasser an den Eisfiguren niederschlägt. Ziel ist es auch, zu zeigen, dass das Schönste am Pavillon das Gletschereis an sich ist. Das durch die Kompression von Schnee entsteht. Fällt das Licht durch die Spalten, färbt es sich bläulich.

Der Pavillon soll ja auch auf die kritische Situation der Gletscher aufmerksam ­machen.

Grundsätzlich schon. Und weil die Menschen an Show gewöhnt sind, bieten wir eine. So nehmen sie den Gletscher besser wahr und lernen ihn schätzen. Ich persönlich bräuchte den Glamour nicht – für mich sind das Schönste die naturbelassenen Gänge. Ein Glaziologe überwacht übrigens die Eisdicke – wo kann man durchgehen, wo nicht? Ja, die ­Situation der Gletscher ist sehr dringlich. Alle Gletscherzungen sind in den letzten Jahren zurückgegangen aufgrund der Klimaerwärmung. Am Nordpol gibt es schon durchgängige Passagen.

Was kann jeder im Alltag für die Gletscher und insgesamt gegen die Klimaerwärmung tun?

Den grössten Hebel sehe ich bei der Ernährung. Weil wir den grössten Methanausstoss infolge der Viehzucht verzeichnen. Stichwort Futtermittelanbau, Ver­dauungsgase. Persönlich esse ich höchstens zweimal pro Monat Fleisch – auch wegen der Tierhaltung. Ich möchte keine malträtierten Tiere essen. Massentierhaltung finde ich schrecklich.

«Das Problem ist: Wir Menschen ­können dieses Eis nicht mehr ent­stehen lassen, wenn es mal weg ist.»

Alexander Galliker

Sind Sie ein sehr umwelt­bewusster Mensch?

Ich versuche schon, meinen ökologischen Fussabdruck zu beeinflussen, und fahre mit dem Auto deshalb auch nur in Massen.

Sie finden es auch wichtig, mit dem Pavillon die Endlichkeit des Eises zum Thema zu machen.

Das Problem ist: Wir Menschen können dieses Gletschereis nicht mehr entstehen lassen, wenn es mal weg ist. Nur die Natur kann das. Das meine ich mit der Endlichkeit von Gletschereis.

Wird es irgendwann einmal gar keine Gletscher mehr geben in der Schweiz?

Ich kann mir das vorstellen. Am längsten wird es wohl die Gletscher im Wallis geben – sie sind am höchsten gelegen.

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