Zum Hauptinhalt springen

Ein Leben voller Glück

Die in Bern lebende Künstlerin Teruko Yokoi (95) kommt zu später Ehre. Das Kunstmuseum zeigt die Ausstellung «Teruko Yokoi. Tokyo – New York – Paris – Bern». Die Witwe des US-Malers Sam Francis hat für uns ihr Fotoalbum geöffnet.

Helen Lagger
Schul-Aufführung: Das zweite Kind von links ist Teruko Yokoi.
Schul-Aufführung: Das zweite Kind von links ist Teruko Yokoi.
Susanne Keller

Teruko Yokoi blättert in ihrem alten Fotoalbum. Lehrer spielten in ihrer Jugend offensichtlich eine wichtige Rolle. «Das war mein Mathematiklehrer», verrät sie und zeigt auf das vergilbte Bild eines jungen Mannes mit Gitarre. Doch die Künstlerin war als junges Mädchen nicht in den Mathe-, sondern in den Literaturlehrer verliebt. Dieser heiratete jedoch ihre beste Freundin.

Teruko Yokoi (95) in ihrer Wohnung im Egghölzli in Bern. Foto: Susanne Keller
Teruko Yokoi (95) in ihrer Wohnung im Egghölzli in Bern. Foto: Susanne Keller

Manchmal sei behauptet worden, sie sei deswegen in die USA gegangen, aber das stimme nicht, sagt Yokoi bestimmt. Seit einigen Jahren wohnt die 95-Jährige in der Altersresidenz Egghölzli. Den schicken Stock, den sie zum Gehen benutze, habe ihr die Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss geschenkt. «Ich schätze sie als Politikerin und Menschen sehr.» Mit dem Malen hat Yokoi seit einigen Jahren aufgehört. In ihrer Wohnung hängen ein paar Spätwerke an der Wand. Es sind friedliche Landschaften.

Im Schatten ihres Mannes

Mit der Ausstellung «Teruko Yokoi. Tokyo – New York – Paris – Bern» wird nun im Kunstmuseum ihre wichtigste Schaffensperiode der Fünfziger- und Sechzigerjahre in den Fokus gerückt. Mit Ausnahme der Galerie Kornfeld, die das Werk Yokois regelmässig zeigt, wurde die Künstlerin lange verkannt und stand stets im Schatten ihres Exmannes Sam Francis (1923–1994). «Weil ich eine Frau und eine Ausländerin bin», glaubt Yokoi, habe man sie so lange vergessen. «Aber die Vergangenheit ist die Vergangenheit.»

In der Altersresidenz Egghölzli werben Einladungskarten und Poster für ihre kommende Ausstellung. Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner wissen, dass Yokoi eine wichtige Künstlerin ist. Im Korridor trifft diese auf eine Bewohnerin, die schwärmt, dass die Mohnblumen in einer Ausstellung von Teruko Yokoi für sie ein bahnbrechendes Seherlebnis gewesen seien. Klar, komme sie zur Eröffnung verspricht die Dame.

Fragil und ehrgeizig

Das Kunstmuseum Bern zeigt rund sechzig mehrheitlich abstrakte Gemälde, die sowohl westliche wie östliche Einflüsse aufweisen. Auf Yokois Bildern vereint sich das grosse Gestische, wofür die Kunst des abstrakten Expressionismus steht, mit einem typisch japanischen Minimalismus. Symbole wie etwa die Raute tauchen als wiederkehrende Motive in den Kompositionen der Künstlerin auf.

Das älteste in der Schau gezeigte Bild ist ein Selbstporträt von 1946. «Ein fragiles Kind bin ich gewesen», erinnert sich Yokoi. Sie habe sich vor der Dunkelheit und vor Geistern gefürchtet und sei häufig krank gewesen. Doch das sei nicht schlimm gewesen, da sie es geliebt habe zu lesen, Haikus zu schreiben oder zu malen. Geboren wurde Yokoi 1924 in Tsushima, einer kleinen Stadt in der Nähe von Nagoya.

Als Teenager. Rechts ist Yokoi. Foto: Susanne Keller
Als Teenager. Rechts ist Yokoi. Foto: Susanne Keller

Die Mutter, die aus einer aristokratischen Familie stammte, förderte ihre Talente früh. «Die Nummer eins» sei sie in der Schule gewesen, sagt Yokoi. «Ausser in Mathematik», verrät sie. Früh verliess sie die Kleinstadt zu Gunsten einer künstlerischen Ausbildung in Tokio. Ihr dortiger Lehrer Herr Kinoshita habe erkannt, dass sie eine gute Malerin und dazu eine gute Babysitterin sei. «Ich habe auf seine Kinder aufgepasst.»

Im Chelsea Hotel

Mit viel Respekt spricht die Künstlerin bis heute von der japanischen Shipping-Company, die ihr das Ticket bezahlte, um mit dem Schiff in die USA zu reisen. In ihren ersten Wochen in San Francisco konnte sie beim Chef der Firma und seiner Familie leben. «Ich sage Ihnen, mein Leben war voller Glück», sagt Yokoi rückblickend. Sam Francis, ihren künftigen Mann und Vater ihrer Tochter, traf sie in New York bei der Wiedereröffnung des Museum of Modern Art. Liebe auf den ersten Blick? «Das würde zumindest er behaupten», sagt Yokoi belustigt.

Sam Francis – Yokoi nennt den Verflossenen stets mit vollem Namen – habe gar von Telepathie gesprochen. Er habe eine traurige Kindheitserinnerung mit sich herumgetragen. Ein Klassenkamerad sei bei einem tragischen Unfall beim Spiel mit einer Waffe durch seine Hand gestorben. Die Galeristin Martha Jackson warnte Yokoi, der bekannte Schürzenjäger erzähle die Geschichte möglicherweise nur, um ihr Mitleid zu erwecken. Später habe jedoch der Vater von Sam Francis die Geschichte bestätigt.

Als junge Mutter in den Sechzigerjahren lebte Yokoi zusammen mit Sam Francis im legendären New Yorker Chelsea Hotel, wo zahlreiche Künstler, Schauspieler und Musiker abstiegen. Yokoi lebte im Obergeschoss des Hotels in einer der grössten Wohnungen. «Mit Leuten auf Drogen hatte ich nie Kontakt», sagt sie. Die wilden Zeiten hätten wohl nach ihrer Zeit stattgefunden.

Yokoi (rechts) im Kimono mit ihrer älteren Schwester. Foto: Susanne Keller
Yokoi (rechts) im Kimono mit ihrer älteren Schwester. Foto: Susanne Keller

Muttersein und Malen war für Yokoi kein Problem. «Wir hatten eine Nanny.» Mittlerweile ist Yokoi Urgrossmutter. Sie hat drei Enkel und fünf Urenkel. Lächelnd präsentiert sie ein Bild des jüngsten Urenkels. «Er sieht aus wie Sam Francis.» Mit dem Mann, der sie bis heute umtreibt, verliess sie als junge Frau New York zugunsten von Paris. A

rnold Rüdlinger, der damalige Direktor der Kunsthalle Basel, entdeckte ihre Malerei bei einem Besuch, der eigentlich Sam Francis galt. Er zeigte Yokois Werk 1964 erstmals in der Schweiz gemeinsam mit Werken von Walter Bodmer und Otto Tschumi. Eine eigentliche Überblicksausstellung gab es seither keine mehr.

Ausstellung: 31.1. bis 10.5., Kunstmuseum, Bern. www.kunstmuseumbern.ch

Dieser Artikel wurde automatisch auf unsere Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch