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«Diese unsichtbare Schranke in der Stadtmitte»

Galeristin Eva Presenhuber über die Innenstadt als die neue Gentrifizierungszone von Zürich.

Ewa Hess
Eva Presenhuber: «Die guten, arrivierten Künstlerinnen und Künstler werden hierzulande immer noch viel zu wenig beachtet.» Foto: Reto Guntli
Eva Presenhuber: «Die guten, arrivierten Künstlerinnen und Künstler werden hierzulande immer noch viel zu wenig beachtet.» Foto: Reto Guntli

Eva Presenhuber prägte den Aufbruch von Zürich zum Schweizer Zentrum zeitgenössischer Kunst. Heute blickt die gebürtige Österreicherin auf ihre über 30-jährige Tätigkeit zurück – und eröffnet mit Räumen in der Nähe des Kunsthauses neue Perspektiven. Wir sprachen mit der Powerfrau der Zürcher Kunstszene über die Kunstbegeisterung an der Limmat und den Frauenanteil in den Schweizer Museen.

Frau Presenhuber, welches Museum hat mehr Werke bei Ihnen eingekauft, das Kunsthaus Zürich oder das Museum of Modern Art in New York?

Eindeutig das Moma. Es kaufte bei uns Werke von Künstlern wie Ugo Rondinone, Oscar Tuazon oder Joe Bradley. Wir haben allerdings auch das Kunsthaus Zürich auf der Kundenliste.

Zurzeit wird in der Schweiz eine Debatte über den Anteil der Künstlerinnen an den Museen-Ausstellungen geführt. Sind Sie für eine Frauenquote?

Die Quotenzeit ist eigentlich vorbei – aber tatsächlich werden Frauen immer noch sehr viel weniger beachtet. Jüngere Kuratoren und Direktorinnen haben diese Ungerechtigkeit allerdings auch in der Schweiz erkannt. Ich stelle fest, dass an Kunsthallen und zukunftsorientierten Museen auf wichtige Positionen von Künstlerinnen gesetzt wird – gut so.

«Der Erweiterungsbau des Kunsthauses bringt auch eine neue Energie ins Stadtzentrum.»

Sie eröffnen neue Räume an der Rämistrasse, auch andere wichtige Galerien ziehen dorthin. Wirkt da die Anziehungskraft des Kunsthauses?

Bestimmt fliesst mit dem noch nicht eröffneten Erweiterungsbau des Kunsthauses auch eine neue Energie ins Stadtzentrum. Man kann von einem Trend sprechen.

Was erhoffen sich die Galerien?

Es ist erst einmal eine Gelegenheit, die sich hier bietet, weil zurzeit viele Geschäftslokale frei werden.

Ist die Innenstadt die neue Gentrifizierungszone in Zürich?

Ja, es scheint so zu sein. Trotz der teuren Mietpreise. Unsere untypischen, weil verwinkelten Räume an der Rämistrasse erinnern mich an die frühere, energiegeladene Zeit der 70er- und 80er-Jahre, als die Galerien zeitgenössischer Kunst noch in Wohnungen waren. Das bringt frischen Wind in unsere Stammgalerie.

Schielt man da nicht vor allem auf die Zürichberg-Kundschaft?

Natürlich will man sich auch näher an die Kunstinteressierten bewegen. Es gibt immer noch diese unsichtbare Schranke in der Mitte der Stadt – sie scheint die Bewohner des Zürichbergs und des linken Seeufers an allzu häufigen Besuchen in Zürich-West zu hindern.

Was ist denn mit Zürich-West los? Wirkt die Anziehungskraft des postindustriellen Charmes nicht mehr?

Sie sprechen wohl vor allem von Löwenbräu. 1996 bis etwa 2010 waren die Vernissagen dort wirklich hervorragend besucht. Die Stimmung machte es aus: Man teilte den Spass an der zeitgenössischen Kunst, was das Gemeinschaftsgefühl stärkte.

«Vielleicht geniessen die Zürcher eine schäbige Zone in ihrer Hochglanz-Stadt.»

War der Umbau ein Problem?

Ich habe die Kritik am Umbau nie verstanden. Er war nötig. Aber es könnte schon sein, dass es die Zürcher liebten, in ihrer Hochglanz-Stadt noch eine schäbigere Zone geniessen zu können. Ausserdem verteuerte der Umbau die Mieten, plötzlich war Löwenbräu weniger vom Spass und mehr vom Geschäftlichen bestimmt.

Ist die Zürcher Sensibilität für Kunst in den über 30 Jahren Ihrer Tätigkeit hier gewachsen oder geschrumpft?

Zürich ist nach wie vor ein hervorragender Standort. Auch weil die Künstler gerne hierherkommen. Die örtliche Nähe der Art Basel spielt dabei eine grosse Rolle.

Um die Art Basel stand es auch schon besser: Die Mutterfirma MCH wankt, aktivistische Investoren liefern sich Machtduelle. Macht das Ihnen als Galeristin Sorgen?

Ich weiss nur, dass die Messe für das Image des Kunststandortes Schweiz sehr wichtig ist. Es wäre zu wünschen, dass die Stadt Basel ihren Einfluss geltend macht, damit die Art Basel die beste Kunstmesse der Welt bleibt.

Welche Rolle spielen die Messen für Ihre Galerie?

Wir verkaufen, grob geschätzt, 35 Prozent an den Messen – 2020 bespielen wir zehn Messen –, der Rest wird in der Galerie aus den Ausstellungen veräussert. Aber es ist schon so, dass heute durch die vielen Messen, die teuren Räume, die internationalen Künstler, die Kosten so gestiegen sind, dass wir das gar nicht in der Schweiz allein erwirtschaften könnten. Dafür ist das Land zu klein.

Lässt sich das in Zahlen fassen?

Schweizer Verkäufe machen etwa 20 Prozent aus. Den Rest verkaufen wir ins Ausland.

Sie waren eine der ersten Galeristinnen in Zürich, die strategisch international gearbeitet haben – was für die Schweizer Kunst, die Sie im Programm haben, gut war: Sie ist weltweit sichtbar geworden.

Ich hatte tatsächlich das Glück, einige etablierte Schweizer Künstler wie das Duo Fischli/Weiss oder Jean-Frédéric Schnyder schon in den 90er-Jahren zeigen zu dürfen. Das war auch für uns als junge Galerie sehr gut, denn dadurch kamen weitere wichtige Künstler zu uns, wie etwa der Österreicher Franz West oder die deutsche Fotokünstlerin Candida Höfer. Künstler kommen wegen der anderen Künstler in eine Galerie.

«John Armleder, Jean-Frédéric Schnyder, Ugo Rondinone? Hierzulande zögert man, ihnen die Ehre zu erweisen.»

Hat es eine Österreicherin gebraucht, um die Schweizer Kunst richtig zu schätzen?

Die Schweizer tun sich allgemein schwer mit dem Schätzen des Eigenen, nicht wahr? Das ist weiterhin stark spürbar.

Wie meinen Sie das?

Die guten, arrivierten Künstlerinnen und Künstler werden hierzulande immer noch viel zu wenig beachtet. Wann hatte der Genfer John Armleder eine richtige Restrospektive? Oder Jean-Frédéric Schnyder? Ugo Rondinone? Sie werden alle im Ausland geschätzt, und hierzulande zögert man, ihnen die Ehre zu erweisen.

Sie eröffnen Ihre neuen Räume in der Innenstadt mit einer Schau des Walliser Künstlers Valentin Carron, warum gerade mit ihm?

Auch er ist einer dieser hervorragenden Künstler, die zwar unbestritten zu den besten gehören – Carron hat schliesslich schon die Biennale für die Schweiz bespielt – und die nicht genügend Sichtbarkeit im Inland bekommen.

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