Gras um Gras, Halm um Halm

Zur vierteiligen Gräser-Serie von Franz Gertsch kommt überraschend Nummer fünf dazu, «Gräser VI» ist auch bereits vollendet.

Warm und abstrahiert: «Gräser V» von Franz Gertsch.

Warm und abstrahiert: «Gräser V» von Franz Gertsch.

(Bild: zvg)

Sabine Gfeller

Wohl kaum ein anderer Schweizer Künstler findet so viel Begeisterung daran, Grashalme zu malen, wie Franz Gertsch. Daher hat er nach knapp 20 Jahren an seine vierteilige Gräser-Serie aus den 1990er-Jahren noch ein fünftes Stück angehängt, das ab heute Abend im Museum Franz Gertsch in Burgdorf zu sehen ist.

Doch eigentlich hat er den Gräsern nie wirklich den Rücken gekehrt. In den Jahren 2004 bis 2007 schnitt er sie in Holz. Diese Holzschnitte finden jedoch keinen Eingang in den neuen Ausstellungsraum. Dort blickt einem als Erstes «Gräser V» entgegen. Gegenüber hängt Teil I, an der Wand zu seiner Linken Teil II und III. Doch statt mit Teil IV den Raum zu komplettieren, hängt als fünftes Bild «Silvia I» an der rechten Wand. Grund dafür: sehr ähnliche Technik wie bei den Gräsern. Doch passen ein Menschengesicht und das kalte Hellblau, die Hintergrundfarbe der Silvia, in diesen grünen Raum? Eine gewagte Hängung.

Kontrast und Tiefe

Genau wie bei «Gräser I» bis und mit «Gräser IV» bildet die Vorlage auch beim fünften Gräserbild eine Fotografie, die Gertsch 1995 von seinem Haus aus machte. Nur dass er bei dem neuesten Modell noch näher heranzoomt. Kontrast und Tiefe stehen im Zentrum: Schwarz erhält mehr Fläche, die einzelnen Farben und die Farbverläufe vom Grün zum Ockergelb wirken intensiver. Allgemein strahlt das Bild viel mehr Wärme aus als die vorherigen.

«Es malt sich wie von selbst.»Franz Gertsch

Gertschs Bilder scheinen aus der Distanz beinahe realer als die Wirklichkeit. Teil V der Gräser-Serie wirkt aber viel malerischer und ist abstrahiert. Und dieses fünfte Stück «malt sich wie von selbst», sagte der Künstler einmal bei der Entstehung.

Die Aufmerksamkeit, die Gertsch den Gräsern nochmals schenkt, passt laut der Kuratorin Anna Wesle insgesamt in sein Spätwerk. Er greift viele bereits abgehandelte Themen und Motive aus einer neuen Perspektive auf. Und im Produktionsprozess legt der 89-Jährige an Tempo zu. Statt im gewohnten Einjahresrhythmus malt er nun im Halbjahrestakt neue Bilder. Daher ist der letzte Pinselstrich von «Gräser VI» auch bereits gemacht. Zu sehen ist es aber wohl erst im September 2020.

Eröffnung heute Freitag in Anwesenheit des Künstlers, Ausstellung bis 1.3.2020. Zusätzlich eröffnet werden: «Monica Ursina Jäger. Shifting Topographies», bis 24.11.19; «Fremde Mächte. Malerei aus Leipzig», bis 1.3.2020. Museum Franz Gertsch, Burgdorf.

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