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Gurlitt-Erbe ist «Blitz aus heiterem Himmel» für Bern

Die Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt soll an das Kunstmuseum Bern gehen. Dies hat der Kunstsammler in seinem Testament bestimmt. Die deutschen Behörden haben jedoch ein Wort mitzureden.

Aus Gurlitts Bilderschatz: Bernhard Kretschmar, «Strassenbahn», undatiertes Aquarell.
Aus Gurlitts Bilderschatz: Bernhard Kretschmar, «Strassenbahn», undatiertes Aquarell.
Keystone
Der Ort des Kunstfunds: Das Haus von Cornelius Gurlitt in Salzburg.
Der Ort des Kunstfunds: Das Haus von Cornelius Gurlitt in Salzburg.
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...sowie von Marc Chagall lagerten neben Müll in der Wohnung von Cornelius Gurlitt.
...sowie von Marc Chagall lagerten neben Müll in der Wohnung von Cornelius Gurlitt.
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Das Kunstmuseum Bern erbt die millionenschwere Sammlung des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt. Mit all den Picassos, Noldes und Chagalls kommt die Berner Institution nicht nur zu einem riesigen Kunstschatz, sondern auch zu einem nicht minder riesigen Haufen Problemen. Hunderte Werke der Sammlung stehen im Verdacht, Nazi-Raubkunst zu sein. Der erst vor wenigen Tagen im Alter von 81 Jahren verstorbene Cornelius Gurlitt war der Sohn von Adolf Hitlers Kunsthändler, Hildebrand Gurlitt. Nach dem Tod des Vaters hütete Cornelius Gurlitt den Kunstschatz eifersüchtig und hielt ihn geheim.

Gurlitt war im Herbst 2011 ins Visier der Justiz geraten. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung stiessen die Ermittler im Febraur 2012 auf über tausend Meisterwerke, von denen viele seit dem Zweien Weltkrieg als verschollen gegolten hatten.

Die Behörden beschlagnahmten die Bilder wegen Verdachts auf Vermögens- und Steuerdelikte. Von den Werken könnten mehrere hundert in die Kategorie Nazi-Raubkunst fallen.

Erst vor rund einem Monat hatten Gurlitt und die deutschen Behörden eine Einigung gefunden. Gurlitt hatte zugesichert, die millionenschwere Sammlung von Experten untersuchen zu lassen.

Die unter Nazi-Raubkunstverdacht stehenden Gemälde werde er gegebenenfalls zurückgeben, willigte er ein. Die Behörden gaben die Werke daraufhin wieder frei. Doch Gurlitt sollte sie nicht mehr sehen: er starb am Dienstag im Alter von 81 Jahren.

Jahrhundert-Erbschaft

Am Mittwochnachmittag kamen Gerüchte auf, Gurlitt habe die Werke testamentarisch einer Kunstinstitution im Ausland vermacht, von Wien war etwa die Rede, aber auch von Bern. Dort gab man sich zunächst zurückhaltend, am späteren Nachmittag dann bestätigte das Kunstmuseum die Jahrhundert-Erbschaft.

Die Institution wurde nach eigenen Angaben von Gurlitts Anwalt schriftlich und telefonisch über die Erbschaft informiert. Der Kunstsammler hatte die privatrechtliche Berner Institution als Alleinerbin eingesetzt.

Trotz Spekulationen habe die Nachricht eingeschlagen «wie ein Blitz aus heiterem Himmel», liess das Berner Kunstmuseum in einer kurzen Stellungnahme verlauten. Gurlitt und das Museum hätten vorher nie irgendwelche Beziehungen gepflegt.

Der Stiftungsrat und die Direktion seien erfreut und überrascht über das grossartige Vermächtnis. Allerdings verhehle man auch nicht, dass das Museum damit eine erhebliche Verantwortung und eine Fülle schwierigster Fragen aufgebürdet bekomme.

Dabei gehe es insbesondere um Fragen rechtlicher und ethischer Natur. Konkrete Stellungnahmen dazu will die Institution erst nach Einsicht in die Akten und einem ersten Kontakt mit den zuständigen Behörden abgeben.

Deutsches Kulturgut?

Dass sich die von Gurlitt als Erbe eingesetzte Institution in der Schweiz befindet, könnte eine weitere gesetzliche Hürde bedeuten. Das bayerische Kunstministerium will die Sammlung des verstorbenen Kunsthändlersohns auf ihre Bedeutung für das deutsche Kulturgut prüfen und entsprechende Werke auch in eine Liste aufnehmen.

Bei einer Ausfuhr der Sammlung in die Schweiz könnte das Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung greifen, wie die Nachrichtenagentur dpa schreibt. Das Gesetz besagt, dass Werke, die im «Verzeichnis national wertvolles Kulturgut» aufgelistet sind, bei Ausfuhr ins Ausland eine amtliche Genehmigung benötigen.

Über die Aufnahme des Kulturgutes in das Verzeichnis entscheiden die Bundesländer. Als wichtiges Kriterium gilt dabei, dass die Kunstwerke bei einer dauerhaften Ausführung aus Deutschland einen wesentlichen Verlust für den deutschen Kulturbesitz bedeuten würden.

Nach Ansicht des Münchner Erbrechts-Experten Anton Steiner könnte das für einzelne Werke aus der Sammlung Gurlitt gelten. «Es wird von Bild zu Bild zu betrachten sein», sagte er: «Ein Matisse trägt das deutsche Kulturgut nicht, ein Beckmann vielleicht schon.»

«Ob das Gesetz zur Anwendung kommt, wenn die Bilder nicht verkauft, sondern in einem deutschsprachigen Museum ausgestellt werden sollen, das ist allerdings mehr als fraglich», sagte Steiner weiter.

SDA/chk/fko

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